Meinung

Warum ich mit Daunenjacken ein echtes Problem habe – aber trotzdem eine trage

In knalligen Farben und XXL-Format sind Daunenjacken besonders angesagt. Noch trendiger: Nachhaltige Daune.
Foto: Getty Images

Sie sind wunderbar warm, atmungsaktiv, bequem und ganz nebenbei auch noch stylisch: übergroße Daunenjacken. Der Haken: Um an die begehrten Daunen zu kommen, werden Gänse im schlimmsten Fall bei lebendigem Leib gerupft. Kann man die wärmenden Teile also überhaupt noch guten Gewissens tragen? Unsere Autorin Kristina Hellhake hat sich diese(r) Frage gestellt.

Bereits im zweiten Winter trage ich bevorzugt eine riesige blaue Daunenjacke. Das Herren-Modell habe ich Second-Hand gekauft, in der Größe XXL.

Daunenjacke auf der Straße

Secondhand gekauft und heiß geliebt: Unsere Autorin trägt ihre XXL-Jacke in Dauerschleife.
Foto: STYLEBOOK

Auch interessant: Kunstfell oder Echtpelz? So erkennen Sie den Unterschied

Daune vs. Pelz im Gewissensduell

Dabei ging es schon mal noch doller: Vor rund sieben Jahren begleitete mich der klassische Arctic Parka der Firma Woolrich, nicht nur dick mit Daunen wattiert, sondern on top mit fettem Fellrand. Und ich gestehe: In diese Jacke zu schlüpfen, war so, als würde man die Bettdecke niemals zurückschlagen, ein Maximum an Weichheit, Geborgenheit und Frostschutz. Eiskalt wurde mir hingegen, als ich eine Dokumentation im ZDF sah, in der es um die Verarbeitung von Leder und Pelzprodukten ging. Der voluminöse Pelzkragen erschien mir von da an geradezu obszön, der Parka musste schnellstmöglich weg. Meine Abneigung gegen Pelz ist geblieben, doch das Verhältnis zur isolierenden Daune hat seltsamerweise weniger gelitten. Eingeschlossen in den Kammern der Jacke sorgen die kurzen Federn für maximale Wärme, indem sie die Körpertemperatur des Trägers speichern. Warum ist das okay? Weil die Federn verborgen sind im Jacken-Inneren, ganz nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn?

Auch interessant: Die wichtigsten Mantel-Trends für jede Figur

Daher stammen die Daunen

Das Prinzip der Daunenjacke ist so simpel wie erfolgreich: Während das Außenmaterial aus Nylon oder Polyester ist, befindet sich in den Textilien meist ein Gemisch aus Daunen (den kurzen, ganz weichen Federchen) und Federn von Ente oder Gans. Je reiner die Daune, desto teurer in der Regel das Produkt. So beliebt die Daunenjacke auch ist, sie ist gleichzeitig auch ein Sensibelchen – bei der Reinigung sollte einiges beachtet und das Teil am besten gemeinsam mit Tennisbällen in den Trockner gegeben werden.

Der größte Unterschied zur Pelzindustrie, die meist nicht auf Nutztiere zurückgreift, sondern eigens für die Fellgewinnung züchtet, ist, dass nur fünf Prozent der Daunen aus dem sogenannten und völlig inakzeptablen Lebendrupf stammen und damit von Tieren, denen bei lebendigem Leib die Federn rausgerupft werden. 95 Prozent der Daunen kommen von Gänsen und Enten, die für den Verzehr gehalten werden – ihre Federn sind im besten Fall ein Abfallprodukt, das die Industrie weiterverwertet, zu Jacken, Kissen und Bettdecken. Dennoch besteht besonders bei Füllstoffen aus Nicht-EU-Ländern die Gefahr, dass dafür Gänsen bei vollem Bewusstsein und unter Schmerzen die unterste Federschicht aus der Haut gerissen wird.

Daune ja oder nein?

Wie man sich noch verantwortungsvoll in Daunen kleiden kann, diese Frage beschäftigt auch Modeprofis wie Bloggerin Vreni Frost. Sie gab die Gewissensfrage kürzlich direkt an ihre rund 60.000 Follower weiter und regte die Diskussion an: Daune ja oder nein? Damit traf sie einen Nerv: Zwar waren 59 Prozent der Meinung, dass man Daune tragen dürfe, ganze 49 Prozent sprachen sich aber dagegen aus – ein denkbar knappes Ergebnis, das Vreni dazu veranlasste, ihr eigenes modisches Handeln ausführlich zu hinterfragen. Zwei neue Winterjacken hängen seit diesem Winter in ihrem Schrank: „Erstere ist einen Daunenjacke, die zweite ist vegan und komplett fair produziert“, erklärt die Bloggerin.

Die Industrie wirbt um Vertrauen, weiß Vreni Frost. „Bei Daunen gibt es für die Farmen den so genannten RDS (Responsible Down Standard), der den Tieren dank genügend Auslauf, Teichen zum Schwimmen oder der Möglichkeit zum Nestbau ein artgerechtes Leben ermöglicht“, erklärt sie ihr Vorgehen beim Kauf. Daneben ermöglichen QR-Codes dem Kunden, den Weg der Daune bis hin zum individuellen Tier zurückzuverfolgen. Die Bloggerin empfiehlt außerdem, auf Siegel wie das „Bluesign Approved“ zu achten, das eine insgesamt ressourcenschonende Fertigung des Kleidungsstücks gewährleistet.

Auch interessant: Gülcan Kamps studiert jetzt & setzt auf Nachhaltigkeit

Vegan ist nicht immer besser

Das Thema Nachhaltigkeit ist eben nicht mit der synthetischen Daune abgehakt, vielmehr geht es um den gesamten Wertschöpfungsprozess und alle verwendeten Materialien. Denn die „Fake-Daune“ wird nicht aus erneuerbareren Rohstoffen produziert, wie Vreni Frost anmerkt. Meist besteht sie aus dem günstigen formgebenden und widerstandskräftigen Polyester, das wiederum aus Erdöl gewonnen wird. Beim Waschen können Mikroplastik-Partikel ins Abwasser und somit indirekt wieder in unsere Nahrungsmittel gelangen: „Selbst effiziente Abwasseranlagen schaffen es nicht, die winzigen Plastikfasern herauszufiltern“, so Vreni Frost.

Daunenjacke mit Daunen-Sample

Hersteller von Daunenjacken verpflichten sich zunehmend zur Transparenz und zeigen, woher die Daune stammt.
Foto: Getty Images

Embassy of Bricks and Logs, die sich komplett der veganen Winteroberbekleidung verschrieben haben, erkennen das Problem und wollen „bis 2023 eine hundertprozentig nachhaltige Kollektion“ zu fertigen. Ein Prozess, dem sich auch andere Brands anschließen – die Nachfrage steigt und damit auch der Druck auf die Industrie, längst bieten auch große internationale Brands wie Nike synthetische Daunen an. Gleichzeitig fördern andere Label, darunter Patagonia, das Recycling von Daunen: Die zarten Federn werden gesammelt und gereinigt und in den textilen Kreislauf zurückgeführt.

Mitdenken statt stumpf Konsumieren

Noch ist Vreni Frost unsicher, welche ihrer beiden Jacken besser abschneidet, im Härtetest des Berliner Winters kristallisiert sich allerdings ein Favorit heraus: „Hier schneidet die Daunenjacke besser ab“, schreibt die Bloggerin. „Die Federn isolieren besser und gleichen Temperaturen optimal aus. Ist es wärmer, schwitze ich nicht so schnell, ist es klirrend kalt, bleibt es schön warm.“ Das gelänge der vegan produzierten Jacke nicht so überzeugend.

Mein persönliches Fazit: Mitdenken ist gefragt! Niemand sollte sich gezwungen fühlen, die geliebte Daune zu entsorgen. Allerdings sollte es selbstverständlich werden, sich vor der Neuanschaffung gründlich darüber zu informieren, unter welchem Umständen produziert wurde und welche Materialien verwendet wurden. Nur wenn der Verbraucher es einfordert, wird die Modeindustrie gezwungen sein, transparenter zu arbeiten. Und davon profitieren wir am Ende alle.