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Experten-Interview

Psychodermatologie – wie sich Psyche und Haut beeinflussen

Frau liegt im Bett, ihr Oberkörper ist unbekleidet
Hautkrankheiten können zu enormem psychischen Druck führenFoto: Getty Images

Der Spruch „Die Haut ist das Spiegelbild der Seele“ ist geläufig – und es scheint auch noch mehr an ihm dran zu sein als gedacht. In der Psychodermatologie gehen Ärzte der Frage nach, wie sich Seelenheil und Hautbild gegenseitig bedingen. Ist das der Schlüssel für gesündere, schönere Haut? STYLEBOOK sprach mit einer Expertin.

Das erwartet einen in der Psychodermatologie

Die Klinik für Dermatologie und Allergologie im Berliner Vivantes Klinikum hat unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Harth einen ausgewiesenen Schwerpunkt für Psychodermatologie. Das Besondere: Dort behandelt man nicht nur die Hauterkrankung, sondern auch die psychischen Ursachen und Begleiterscheinungen. „Viele Patienten, die zu uns kommen, haben chronisch-entzündliche Hauterkrankungen wie Schuppenflechte, Neurodermitis oder Akne“, erklärt Oberärztin Norma Mechow. „Oft sind das Gesicht oder andere sichtbare Körperstellen betroffen. Die Patienten fühlen sich entstellt und empfinden sich selbst als hässlich. Sie trauen sich wegen ihrer Schuppenflechte nicht mehr aus dem Haus und ziehen sich zurück. Ihr Selbstbild leidet durch die Hautveränderungen enorm.“

Ein Drittel dieser Patienten mit sichtbaren Hauterkrankungen entwickle psychische Störungen wie Depressionen oder Ängste. „Wir behandeln daher nicht nur die Hauterkrankung, sondern vermitteln auch psychologische Hilfe“, sagt die Oberärztin. „Oft führen die psychischen Beschwerden selbst wieder zu neuen Krankheitsschüben und einem schlechten Hautbild. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen.“ Patienten lernen in einer Gesprächs- und Verhaltenstherapie, wie sie besser mit Stress umgehen. Mechow ist überzeugt: „Ist die Psyche nicht mit sich im Reinen, ist es die Haut oft auch nicht.“

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Hautverletzungen durch Wahnvorstellungen

„Es gibt Hauterkrankungen, die eine psychiatrische Ursache haben und beispielsweise durch Wahnvorstellungen hervorgerufen werden“, erklärt Mechow. „Patienten mit sogenanntem Dermatozoen-Wahn glauben, dass sie Tiere unter ihrer Haut haben und versuchen, diese mit Essigbädern oder Nadeln zu entfernen. Auch in diesen Fällen behandeln wir nicht nur die Hautverletzungen, sondern sorgen für die passende psychiatrische Unterstützung.“

Manche Hauterkrankungen sind psychischer Natur

Hauterkrankungen können viele Auslöser haben. In der Psychodermatologie prüft man zunächst, ob sie körperliche Ursachen hat. Dafür werden beispielsweise das Blut, der Urin und der Stuhl untersucht. „Können Mangelerscheinungen, internistische Grunderkrankungen oder eine allergische Reaktion ausgeschlossen werden, liegt oft eine psychische Störung vor, die sich in dem Hautleiden ausdrückt“, erklärt die Oberärztin. Das kann zum Beispiel eine Depression sein.

Auch Juckreiz kann in einigen Fällen psychosomatisch bedingt sein. „Viele Patienten kratzen sich die Haut wund, ohne es zu merken“, weiß Mechow. „Oft handelt es sich dabei um Übersprungshandlungen, um Stress abzubauen. Hier gilt es, Alternativen der Stressbewältigung zu finden, die nicht zu Lasten der Haut gehen.“

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Das Fatale am Juckreiz ist, dass Kratzen keine Erlösung bringt, sondern alles nur verschlimmert. „Durchs Kratzen werden im Körper ganz bestimmte Reize ausgeschüttet, die erneut einen Juckreiz auslösen“, erklärt die Berliner Oberärztin. „Das kennen Patienten mit Neurodermitis sehr gut. Es ist ein Teufelskreis.“ Auch hier kann eine Verhaltenstherapie hilfreich sein: Patienten lernen beispielsweise, zu reiben statt zu kratzen. „Durchs Reiben bleibt zumindest die Hautbarriere intakt, beim Kratzen entstehen sonst oft Risse und es kommt zu bakteriellen Infektionen“, so Mechow. „Es kann auch helfen, ein Juckreiz-Tagebuch zu führen: Wann juckt es mich? Wie fühle ich mich in diesen Situationen? Wir schauen dann, ob es ein Muster gibt und vielleicht eine psychotherapeutische Betreuung nötig ist.“

Die Psychodermatologie wird immer wichtiger

Norma Mechow ist überzeugt: „Bei Hauterkrankungen kommt die psychische Komponente nach wie vor zu kurz. Jeder zweite bis dritte Patient, der mit einer Hauterkrankung zu uns kommt, hat Bedarf an psychologischer Betreuung. Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der das Aussehen sehr wichtig ist und wir unser Äußeres ständig optimieren wollen.“ Die Oberärztin glaubt fest daran, dass die Psychodermatologie weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Nicht jeder Hautarzt ist Psychodermatologe

Wer sich in die Hände eines Psychodermatologen begeben möchte, sollte genau hinschauen, denn ein Dermatologe ist nicht automatisch auch ein Psychodermatologe und darf sich daher auch nicht einfach so nennen. Ein Psychodermatologe ist ein Facharzt für Dermatologie mit Weiterbildung in Psychotherapie. Diese psychotherapeutische Weiterbildung nimmt in der Regel 36 Monate in Anspruch. 

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