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Bei Expertin nachgefragt

Wie gefährlich sind Wimpernseren mit Hormonen?

Wimpernseren
Wimpernseren mit Hormonen sollen das Wimpernwachstum anregen – sind aber nicht unumstrittenFoto: Getty Images

Wer sich dichtere und längere Wimpern wünscht, kann mit Wimpernseren nachhelfen. Regelmäßig angewendet sollen sie relativ schnell sichtbare Effekte zeigen – vor allem solche, die hormonell wirksame Bestandteile enthalten. Doch genau diese Wimpernseren sind nicht ganz unumstritten. Lesen Sie dazu mehr bei STYLEBOOK.

Wie funktionieren Wimpernseren?

Wimpernseren sind als Haarwuchsmittel zu verstehen, und übrigens in der Regel auch an den Augenbrauen anwendbar. Ihre Wirkweise in der Kurzfassung: Wimpernseren zielen darauf ab, die Wachstumsphase (auch: Anagenphase) der Wimpern zu verlängern.

Hier hilft es, das natürliche Wachstumsverhalten der Wimpern zu verstehen. Dieses erfolgt in regelmäßigen Zyklen. In der mehrere Wochen andauernden Anagenphase wachsen die Wimpern um rund 0,15 Millimeter pro Tag, bis sie eine Länge von durchschnittlich 13 Millimeter erreicht haben. Was folgt, ist die Katagenphase, in der die Zellproduktion stagniert. Das Wimpernwachstum ist dadurch vorübergehend ausgesetzt. In der dritten Phase (Telogenphase) regenerieren sich die Wimpern zunächst, bis ihr Wachstum wieder von vorne beginnt. Die alten fallen dadurch aus.

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Wie lange die Wachstums- bzw. Anagenphase der Wimpern andauert, bedingen verschiedene Faktoren. Neben der Veranlagung zählen hierzu das Geschlecht und Alter der Person, ebenso die Vitamin- und Mineralstoffzufuhr über die Ernährung. Zuletzt sollen eben auch Wimpernseren Einfluss nehmen können.

Anwendung und Effekt von Wimpernseren

Die meisten Wimpernseren sind für die tägliche Anwendung gedacht. Sie werden mit einem Mascarabürstchen in die Wimpern gekämmt oder einem kleinen Pinsel dünn auf den Wimpernkranz aufgetragen. Im Beipackzettel wird überwiegend empfohlen, eher sparsam mit dem Produkt umzugehen, damit über das Lid nicht zu viel ins Auge gelangt. Vermeiden kann man es aber natürlich nicht. Denn schließlich wirkt das Serum dadurch, dass es von der Haut aufgenommen wird und an die Wurzeln der Wimpern gelangt.

Nach zwischen 30 Tagen und sechs Wochen wollen die Produkte einen Effekt zeigen. Dieser kann unterschiedlich stark ausfallen. Anwenderinnen beschreiben häufig einen verdichtenden und manche einen verlängernden Effekt auf ihre Wimpern.

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Hormone aus der Augenmedizin in Wimpernseren

Wimpernseren enthalten unterschiedliche Wirkstoffe, beispielsweise Hyaluronsäure, Vitamin E oder Panthenol – und mitunter auch synthetische Analoga, die dem Hormon Prostaglandin nachempfunden sind.

Prostaglandin in Wimpernseren sind keine Erfindung der Kosmetikindustrie. Das Gewebshormon wird in der Augenmedizin längst zur Behandlung eines erhöhten Augendrucks eingesetzt, etwa bei Erkrankungen wie Grauer Star (Glaukom). Dass Prostaglandin das Wimpernwachstum beeinflussen kann, ist eigentlich eine Nebenwirkung. Und übrigens nicht die einzige.

Viele mögliche Nebenwirkungen

In den Packungsbeilagen von Arzneimitteln mit Prostaglandin sind zahlreiche mögliche Nebenwirkungen aufgeführt. Dazu zählen Verletzungen und Entzündungen der Hornhaut, Augenreizungen und -brennen, Kopfschmerzen und Ausschlag sowie Schwellungen und Rötungen der Augenlider.

Dauerhafte Verdunklung der Iris

„Eine häufige Nebenwirkung ist wohl eine Verdunklung der Iris, also der Regenbogenhaut“, sagt uns dazu Augenärztin Dr. med. Hanna Ettinger-Neuss. Dies betreffe vor allem helläugige Patienten – „bei dunkeläugigen fällt es nicht so auf“. Sie habe schon einige Patienten gehabt, die zu Behandlungsbeginn mit Prostaglandin blaue Augen hatten und danach deutlich dunklere.

Wimpernwachstum an ungewünschten Stellen

Eine weiteres verbreitetes Problem: „Dass Wimpern und Augenbrauen an Stellen wachsen, an denen Sie nicht unbedingt wachsen sollen“, fügt die Ärztin hinzu. Es kann also zu unkontrolliertem Härchenwachstum in der Umgebung der Wimpern und Augenbrauen kommen.

Veränderte Optik

Einige Patienten sehen nach der Behandlung „hohläugig“ aus, beschreibt Dr. Ettinger-Neuss. Denn Prostaglandin kann die Haut um die Augen herum ausdünnen sowie das umliegende Bindegewebe und minimale Fettgewebe zum Schrumpfen bringen. Die Augen erscheinen dadurch wie eingefallen, als wären die Betroffenen kränklich.

Insgesamt kommt es in 10 Prozent der Fälle zu Nebenwirkungen, schätzt die Expertin, also bei immerhin jedem Zehnten. Und in der Augenarztpraxis steht diese Gefahr natürlich im Verhältnis zur medizinischen Indikation. Dass synthetisch hergestellte Prostaglandin im Dienste der Schönheit eingesetzt werden, wird hingegen eher kritisch gesehen – auch aus ethischen Gründen.

Kritik an Hormoneinsatz in Wimpernseren

Unzureichende Kennzeichnung

Neben der Möglichkeit von Nebenwirkungen bemängeln etwa Sachverständige des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes (CVUA) auf Basis einer Untersuchung, dass Prostaglandin-Derivate in Wimpernseren oft nicht hinreichend gekennzeichnet werden. Sie müssten als beispielsweise Bimatoprost, Methyldihydronoralfaprostal, Cloprostenol Isopropylester und Dechloro-dihydroxy-difluoro-ethylprostenolamid auf der Inhaltsstoffliste ersichtlich sein. Oft fehlen entsprechende Hinweise.

„Nicht sichere“ Wirkstoffe

Bei ihrer Prüfung von 17 frei verkäuflichen Wimpernseren haben die Forscher Arzneimittelwirkstoffe in „arzneilich wirksamen Konzentrationen“ gefunden. Gegenüber einem davon, Cloprostenol Isopropylester, besteht eine offizielle Warnung durch die US-amerikanische Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde (FDA). Der Wirkstoff gilt im kosmetischen Kontext als „nicht sicher“. Zu vergleichbaren Prostaglandin-Derivaten fehlen bislang belastbare Daten.

Irreführende Werbeaussagen

Die Kosmetiksachverständige kritisieren weiterhin Täuschung in der Werbung. Der Hormoneinsatz werde oft nicht erwähnt oder gar geleugnet. „Dichter wirkende Wimpern“ erklären Hersteller demnach mit der natürlichen Wirkung enthaltener Pflanzenextrakten. „Da solche Aussagen durch Wirksamkeitsnachweise zu belegen sind, wurden diese Nachweise bei einer Probe wegen des Verdachtes der Irreführung angefordert“, heißt es daher in der Untersuchungsdokumentation.

Fazit

Augenärztin Ettinger-Neuss rät ihren Patienten davon ab, Wimpernseren für ein stärkeres Wimpernwachstum zu verwenden – und erst recht davon, in ästhetischer Absicht zu medizinisch wirksamen Präparaten zu greifen.

Das würde Dr. med. Timm Golüke, Dermatologe aus München, wohl so unterschreiben. Seine besonders eindringliche Warnung gilt vermeintlichen Wundermitteln aus dem Netz, bei denen die Art der Herstellung (eingesetzte Stoffe, erfolgte Kontrollen, etc.) undurchsichtig sind.

Bei Markenprodukte, die in deutschen Drogerien und Apotheken rezeptfrei erhältlich sind, ist zumindest der Hautarzt nicht ganz so streng und sieht nach derzeitigem Stand kein größeres Risiko. Informieren Sie sich vor dem Kauf am besten über Kundenbewertungen. Sollten Sie aufgrund des Mittels Hautirritationen oder anderen Auffälligkeiten bemerken – die Anwendung bitte umgehend beenden.

Quellen

Prostaglandine als Wimpernwachstumsmittel, CVUA Karlsruhe
– mit fachlicher Beratung von Augenärztin Dr. med. Hanna Ettinger-Neuss
– mit fachlicher Beratung von Hautarzt Dr. med. Timm Golüke

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