Vom Turnschuh zum Trend-Sneaker

Das Milliardengeschäft mit den Sneakern

Opa sammelte noch Briefmarken, die Jugend Sneaker. Und diese sind oft so begehrt, dass Fans für limitierte Modelle tagelang vor Sneaker-Geschäften campieren und hunderte von Euro dafür ausgeben. Die modischen Schuhe sind ein Stück Zeitgeist - und auch die Branchenriesen profitieren.

Die prominentesten Turnschuhe Hessens stehen in Offenbach: Mit ihnen sorgte Joschka Fischer (69) 1985 für einen Tabubruch, als er sich im Landtag als erster hessischer Umweltminister der Grünen vereidigen ließ. Heute sind sie ein Exponat im Deutschen Schuhmuseum in Hauenstein und würden bei einer Ministervereidigung weniger Aufsehen erregen. Doch heute sind die sportliche Schuhe sowohl Alltag und sogar in der Politik längst gesellschaftlich akzeptiert.

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Berufswunsch: Sneaker-Cleaner

Für den Kasseler Dominic Trieschmann war es nicht der grüne Umweltminister, der den Turnschuh-Trend begründet hat, sondern eine Hip-Hop-Band aus den USA. Mit dem Song „My Adidas“ besangen Run DMC 1986 den Sneaker. „Seitdem sind die Schuhe auf der Überholspur“, sagt der 25-Jährige. Trieschmann hat den Kult um die modischen Turnschuhe zu seinem Job gemacht. Als „Sneaker-Cleaner“ hat sich der gelernte Versicherungskaufmann auf die Reinigung der Sportschuhe spezialisiert. Mit einem Online-Shop fing er an, im Juni öffnete dann sein Ladenlokal in Kassel. Mit der Dienstleistung besetzte er eine Nische, in der kaum Konkurrenz sei, sagt Trieschmann. Ab zehn Euro gibt es bei ihm eine Reinigung. Die lohnt sich vor allem bei teureren Modellen: 130 bis 150 Euro würden seine Kunden für den Kauf eines Sneakerpaars ausgeben, schätzt Trieschmann. Er hat auch schon Schuhe im Wert von 500 Euro gereinigt. Seine größte Einnahmequelle seien mittlerweile Veranstaltungen: Herstellerfirmen buchen den „Sneaker-Cleaner“ als Attraktion und Service für Messen und Präsentationen.

Das „Big Business“ mit den Sneakern

Ein großer Teil der verkauften Schuhe sind Sneakers: Von einem „starken Trend“, spricht Ulrich Effing, Sprecher des Marktführers Deichmann. . In Deutschland lag der Gesamtumsatz 2016 bei 2,2 Milliarden Euro.

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Doch kleinere, spezialisierte Händler gewinnen an Bedeutung: „Der passende Schuh ist heute der wichtigste Part bei einem Outfit“, sagt Mischa Krewer, einer der beiden Geschäftsführer von „43einhalb Sneaker Store“, einem weltweit tätigen Schuhhändler aus Fulda. Die Schuhe sind nicht nur Kleidungsstück, sondern taugen auch zum Sammlerobjekt. Beim Kaufpreis scheinen keine Grenzen gesetzt. „Eines der sehr raren selbstschnürenden „Nike Air Mag“-Modelle aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ ging bei Ebay für mehr als 35.000 US-Dollar (umgerechnet ca. 29.817 Euro) über die virtuelle Ladentheke“, berichtet Krewer. Von besonderen Modellen würden teilweise 100 oder nur wenige Paare produziert.

 

Limitierte Sneaker sind begehrt – und unfassbar teuer

Begehrt sind begrenzte Auflagen. Die Schuhe werden oft zusammen mit Stars und angesagten Sportlern oder Künstlern beworben. Wie zum Beispiel die „Yeezy Boost“-Sneaker, die in Zusammenarbeit mit Adidas und Hip-Hop-Mogul Kanye West (40) entstanden. „Für ein stark limitiertes Sondermodell haben Camper bei uns am Laden mehr als drei Tage ausgeharrt. Einige kamen sogar extra aus Madrid nach Hessen, um die begehrten Sneaker zu kaufen“, erzählt Krewer.

Die Preisspanne zwischen Materialwert und Kaufpreis ist gewaltig. Die Differenz sei wie bei allen Sammler- und Liebhaberobjekten groß, sagt Krewer. Der Material- und Herstellungswert liege je nach Fertigung im mittleren zweistelligen Euro-Bereich.

Kylie Jenner wearing the ZEBRA Yeezy Boost 350 V2's

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Sneaker sind der Ausdruck einer ewig jungen Gesellschaft

Dass der Sneaker eine „Metapher für modischen Zeitgeist“ ist, sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln: „Es geht um alltagstaugliche, angepasste Bekleidung, die Sie durch die Unbill des Alltags bringt“, erklärt er. Mode lebe durch Stilbrüche – wie Sneakers in Kombination mit konventioneller Kleidung. Die sportlichen Schuhe seien Ausdruck einer immer älter werdenden Gesellschaft, „die nicht als alt betrachtet werden möchte», sagt Müller-Thomkins. Dass sich Sneakers in teuren Luxusausführungen etablierten, sei nicht ungewöhnlich: „Wir haben im Markt der Mode eine polarisierende Entwicklung, der Markt leidet unter dem Verlust der Mitte.“ Mit einem baldigen Ende des Sportschuh-Kults rechnet Müller-Thomkins nicht: „Der Sneaker hält sich lange, er ist kein temporäres Phänomen.“

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