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Stylebook klärt auf

Vulva-Shaming – was dahintersteckt

Gestrickte Vulvas
Vulvas sind in allen Farben und Formen schön – hier als gehäkelte OhrringeFoto: Getty Images

Eine immer stärker werdende Bewegung und wachsende Community, die sich für Body-Positivity, sexuelle Selbstbestimmung, Selbstliebe und Individualität einsetzt, fordert das Ende von Vulva-Shaming. Doch was versteht man eigentlich darunter? STYLEBOOK sprach dafür mit Experten und erklärt, was Vulva-Shaming ist und wie man dem entgegenwirkt.

Vulva-Shaming ist gleichzusetzen „mit der Unterdrückung der Frau und vor allem der Unterdrückung weiblicher Lust“, so Frauenärztin Dr. med. Regina Widmer. Im Rahmen ihrer frauenärztlichen Tätigkeit, aber auch in speziellen Lust-Kursen zum Thema Sexualität und Intimität, hat sie viele Frauen kennengelernt. Erschreckend sei, dass kaum eine Frau ihre Vulva wunderschön findet. Viele Frauen empfinden sogar das Gegenteil, wenn sie an ihre Geschlechtsorgane denken: pure Abneigung.

Was zählt zu Vulva-Shaming?

Auch Hilde Atalanta, nicht-binäre Illustrator*in und Maler*in aus Amsterdam, hat für künstlerische Arbeiten mit vielen Menschen gesprochen und berichtet über ähnliche Erfahrungen. „Gefühle wie Ablehnung gegen die eigene Vulva können zu Unsicherheiten, Schamgefühl und Angst vor freier Intimität in Beziehungen führen. Diese Negativität beeinträchtigt oft das Selbstwertgefühl und führt nicht selten zu Depressionen. Es kann sogar bis zu einem Punkt kommen, wo die eigene Vulva nicht mehr angesehen oder berührt wird. Dann ist Sex unmöglich und Beziehungen zerbrechen”, so Atalanta. 

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Welche Gefahren stecken hinter dem Bild der „perfekten Vulva”?

Um aus dieser unsicheren Phase herauszukommen, entscheiden sich manche Frauen auch für eine korrigierende Vulva-Chirurgie. In den letzten Jahren sind die Anfragen nach Vulva-OPs um rund 25 Prozent gestiegen. Ein belastetes Verhältnis zum eigenen Körper kann aber nicht nur den Wunsch nach einem chirurgischen Eingriff hervorrufen, sondern zudem psychische Probleme entwickeln.

„Vulva-Shaming kann nicht nur die psychische Gesundheit angreifen, sondern auch Ursache für selbstzerstörerisches Verhalten sein, von etwa ungeschütztem Sex bis hin zu Selbstmordgedanken. Es ist so frustrierend, dass so viele unter den falschen Vorstellungen, wie eine Vulva auszusehen hat, leiden müssen. Und das zusätzlich zu all den anderen Unsicherheiten rund um Erwachsenwerden, Körper, Sex, Identität und Intimität. Offen darüber zu sprechen ist leider nicht üblich und fällt vielen schwer“, führt Hilde Atalanta weiter aus. Die Künstler*in möchte mit dem Projekt „The Vulva Gallery“ entgegenwirken und einen Beitrag dazu leisten, die natürliche Vielfalt, Fülle und Pracht von Vulvas öffentlich zu präsentieren und zu feiern. 

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Wie ist Vulva-Shaming entstanden?

In gängigen Lehrbüchern für Biologie oder Medizin erhalten Darstellungen der Vulva bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit oder Detailtreue wie der Penis. Das weibliche Geschlechtsorgan wird oft nicht einmal anatomisch korrekt dargestellt. Auch in Pornos, Aufklärungsbüchern, Akt-Fotografie, Zeitschriften oder Broschüren von Schönheitschirurgen ist das Bild der Vulva überperfektioniert. Die äußeren Vulvalippen überdecken die inneren Lippen, nichts hängt raus. Doch so sieht es nur bei etwa der Hälfte aller biologischen Frauen unten aus.

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Dr. Widmer hat dazu eine ganz klare Meinung: „Es muss konsequent Schluss sein mit der Unterscheidung von großen und kleinen Lippen (Labien). Denn es ist falsch, dass die äußeren Lippen die inneren überdecken sollten.“ Auch das Wort Schamlippen sollte aus dem Wortschatz komplett gestrichen und gegen Vulvalippen ausgetauscht werden, da die Labien nichts mit Scham zu tun haben.

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Falsche Bilder und Vorstellungen weiblicher Lust

Speziell auch die Klitoris findet kaum Beachtung und wird in Lehr- und Fachbüchern oft anatomisch falsch dargestellt. Der Mangel an Informationen führt in der Folge nur zu Nachteilen für die Frau. Denn nur wer seinen Körper kennt, akzeptiert und liebt, kann die Fülle an Lust und sexuellen Erlebnissen genussvoll erfahren.

„Viele meiner Patientinnen haben Ängste, dass das Gegenüber die Vulva nicht schön und attraktiv finden könnte. Oder, dass die Vulva nicht das leisten kann, was Frau oder Mann meint, sie aber leisten muss: Feucht werden, Lust empfinden und das bis zum Orgasmus. Viele haben auch Angst vor Schmerzen, zu eng zu sein und keinen vaginalen Orgasmus präsentieren zu können“, so die Expertin.

„Auf Webseiten findet sich nur die winzige, glatt rasierte Vulva mit kaum sichtbaren inneren Lippen. Wenn überhaupt eine Vulva mit verlängerten inneren Lippen gezeigt wird, dann nur als schmutziges Attribut, als Fetisch oder Symbol für ältere Frauen oder Frauen, die zu viel Sex haben. Doch die Länge der inneren Lippen hat rein gar nichts mit der sexuellen Aktivität zu tun. Eine 17-jährige Person, die noch nie Geschlechtsverkehr hatte, kann lange, gewellte innere Lippen haben. Eine 65-jährige Person, die in ihrem Leben viel Sex hatte, kann kleine, pinke innere Vulvalippen besitzen“, sagt Atalanta zur Entstehung von Vulva-Mythen und falschen Vorstellungsbildern. 

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Viva la Vulva! Wie kann Shaming zu Appreciation werden? 

Keine Vulva gleicht der anderen. Also, wie kann es dann überhaupt ein Ideal geben? In den Kursen der Frauenärztin lernen Frauen, sich mit ihrer Vulva, Vagina und Sexualität auseinanderzusetzen und ihre Intimität neu zu definieren.

Nicht nur in den Praxen, sondern auch in den Medien findet ein Diskurs zu Diversität und Body-Positivity statt. So bespricht etwa die 17-Jährige Aimee (Aimee Lou Wood) in der erfolgreichen Netflix-Serie „Sex Education“ ihre asymmetrische Vulva mit Beziehungs- und Sextherapeutin Jean Milburn (Gillian Anderson). Diese empfiehlt der Schülerin die Website www.all-vulvas-are-beautiful.com, mit dem Hinweis: „Es gibt sie in vielen verschiedenen Formen, Größen und Farben.“

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Die genannte Website ist ebenfalls ein Projekt von Hilde Atalanta. Die Aktion fordert mehr und fortlaufenden Aufklärungsunterricht an Schulen noch vor dem Einsetzen der Pubertät sowie das Zeigen von Diversität und Diskutieren von Unsicherheiten und Erfahrungen im öffentlichen Raum. „Wir brauchen neue Bilder und einen Perspektivwechsel, um einen positiven Blick auf unsere und alle anderen Körper zu schaffen“, so Atalanta.

Das Zeigen und Feiern von Diversität muss dazu führen, dass unterschiedliche Körpertypen akzeptiert werden und nicht eine einzige Vorstellung fetischisiert wird. Weiter führt Atalanta aus: „Kinder müssen mit anschaulichen Bildern und den richtigen Informationen Body Diversity kennenlernen sowie eine offene und respektvolle Kommunikation zu Themen wie Safer Sex, Lust und Selbstwert führen. Nur dann können sie in einer Welt voller medialer Einflüsse und perfekten Bildern selbstbewusst leben.“

Quellen

– Interview mit Künstler*in Hilde Atalanta 
– Instagram von The Vulva Gallery
– mit fachlicher Beratung von Frauenärztin Dr. med. Regina Widmer

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