Unsere Autorin stellt sich die Frage

Muss ich wirklich irgendwann erwachsen werden?

Frau, die Grimasse schneidet
Was bedeutet es eigentlich, erwachsen zu werden – und muss man das eigentlich?
Foto: Getty Images

Ab wann ist man erwachsen, was genau bedeutet das und muss das eigentlich jeder werden? Unsere Autorin Anna Wengel hat was dagegen und aufgeschrieben, warum es vielleicht besser ist, ein bisschen Kind zu bleiben.

„Das verstehst du, wenn du groß bist”, „Dafür bist du noch zu jung”, „Wenn du erst erwachsen bist, wirst du wissen, was ich meine” – das habe ich immer wieder gehört, mit fünf, zehn oder 15 Jahren und sogar noch am Ende meiner Zwanziger. Inzwischen bin ich 31 und wachse seit 17 Jahren nicht mehr. Erwachsene verstehe ich trotzdem bis heute nicht. Mit dem Wort erwachsen fängt es schon an – was genau soll das eigentlich bedeuten?

Ab wann ist Frau erwachsen?

Es gibt diverse markante Ereignisse im Leben einer Frau, ab denen man angeblich erwachsen sein soll.

Erste Periode

Mit der ersten Periode wird ein Mädchen zur Frau. Das habe ich als Teenie irgendwo in einer Zeitschrift gelesen und fast sehnsüchtig darauf gewartet, Frausein heißt schließlich Erwachsensein. Das wiederum war erstrebenswert, weil ich endlich alles selbst entscheiden wollte. Außerdem hatten schon zwei Mädchen in meiner Klasse ihre Tage. Dann fing es in meinem Unterleib an, wie blöde zu wüten – und ich hätte das Frausein am liebsten ohne Rückfahrschein zurückgegeben. Mama brachte mir eine Wärmflasche und mein Lieblingseis, streichelte mir über den Kopf und versicherte mir, die Höllenqualen würden vorübergehen, dann warf sie heimlich das Laken weg. Irgendwie hatte ich mir das Frauwerden glamouröser vorgestellt.

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Erster Sex

Wie die erste Periode schien auch der erste Sex so ein Meilenstein, den viele von uns kaum erwarten konnten. Aber war ich nun wirklich weiser, weil nach einem gefühlten Ewig-Kampf mit dem Kondom ein peinliches Rumgerutsche folgte, bei dem irgendwie ständig irgendwelche Gliedmaßen im Weg waren? Ich bezweifelte das stark.

18

Ja klar, offiziell passiert mit 18 viel, weil man per Getz erwachsen ist und nun viel mehr darf. Aber bis aufs Wählen („Mama, was muss ich denn da ankreuzen?”) und Autofahren („Klar, wir passen zu acht in den Polo, gar kein Problem”) hatten die meisten von uns schon Jahre vorher Alkohol getrunken und die Reste vom Abendessen als direkte Folge in der Clubtoilette versenkt – lange bevor wir da überhaupt sein durften.

Erste Wohnung

Pumakäfiggestank in zwei von drei Zimmern, der Boden übersät mit Asche und Bierflaschen, Pizzakartons in der Ecke – das war der Normalzustand in meiner ersten WG. Jeden Tag. Wenn das Erwachsensein bedeutet – schnell zurück zu Mama!

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Erstes Gehalt

Das erste richtige Gehalt auf dem Konto zu sehen, machte mich extrem stolz. Und natürlich haute ich das Geld nicht vor lauter Stolz sofort bei einer riesigen Shoppingtour auf den Kopf und stieß anschließend flaschenweise mit meinen Freunden darauf an, die ihr Winzgehalt ebenfalls gern in Kippen und Bier investierten. Aber andere Erwachsene machen das schließlich auch – und die sind viel älter.

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Hochzeit

Ich konnte schon mit unter einem Jahr „Ja” sagen und mit etwa drei habe ich das erste Mal Hochzeit gefeiert. Heißt das, ich war schon im Kindergarten erwachsen? Oder fing es erst an, als ich in Las Vegas fest davon überzeugt war, irgendeinen Stripper heiraten zu wollen und mich nur meine Scham, einen zu fragen, davon abhielt? Oder ist das eine Sache, die ich erst verstehen werde, wenn ich einen echten Ehering über den Finger gestülpt bekomme? Und was ist mit den Freundinnen, die nicht heiraten wollen, weil sie das Konzept doof finden – dürfen die für immer Kinder bleiben?

Babys

Seit der Babyboom meinen Freundeskreis erreicht hat, springe ich gefühlt ständig zwischen zwei Altersstufen hin und her: 14 und drei. 14, wenn neue Baby- oder Kinderfotos auf meinem Telefon ankommen. Die lösen etwa die gleichen Quietsch-Töne aus, die meine Eltern schon in Teeniejahren amüsierten, wenn Jonny Depp, Brad Pitt oder irgendein anderer „Schwarm” über den Fernsehbildschirm flimmerte. Und drei, wenn ich zum Spieldate eingeladen bin und endlich wieder auf dem Boden sitzend die frisch mit Eis gefärbte Zunge rausstrecken, in Fantasiesprache brabbeln oder Bauklötze durch Löcher stopfen kann. Ich habe mich noch nie so erwachsen gefühlt.

30

Zugegeben, ich hatte ein bisschen Angst vor der 30. Weil dann angeblich die Jugend vorbei ist und man erwachsen sein sollte. Ich war mit 30 im Van in Neuseeland unterwegs, gackerte mit meinen Freundinnen, wenn eine „Penis” sagte und war mit dem Versuch beschäftigt, Jungs zu verstehen. Genau wie mit 20. Der einzige Hinweis, der dafür sprechen könnte, dass wir heute erwachsener sind, ist das zunehmende Siezen von Leuten, die ich fast empört darauf hinweise, dass „du” schon echt angebrachter wäre.

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Erwachsensein wird überbewertet

Wann ist man also erwachsen, wenn es nicht diese Meilensteine sind, die ein Kind von einem Tag auf den anderen in den Erwachsenenzustand katapultieren? Passiert das vielleicht unbemerkt irgendwo zwischen erstem Freund und erstem Rollator? Es gäbe da auch noch die Statussymbole wie teure Wohnungen bis hin zu Eigenheimen, ausgewählte Möbelstücke, die längst nicht mehr bei Ikea gekauft werden, eine anspruchsvolle Karriere oder doch eben Kinder, die auf das Erwachsensein hinweisen könnten. Aber all das kann man auch als Teenie schon haben – wenn man Teeniestar oder Super Brain ist oder das mit den Kondomen nicht so ernst nimmt zum Beispiel.

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Ich glaube Erwachsensein ist ein Gemütszustand, mit dem Alter hat das nicht wirklich was zu tun. Meine Oma reißt mit 85 Jahren noch dreckige Witze und kichert darüber wie eine Fünfjährige. Sie ist bis heute nicht erwachsen und sagt das auch. Anders frühere Bekannte, die mir schon mit 25 erklärten, dass sie klug seien und die Welt ein fürchterlicher Ort, während sie schimpfend mit Opa-Sandalen durch die Wohnung schlurften. Hipster hieß das offiziell, war aber eigentlich nur grantiges Fiese-Menschen-Gehabe. Ich glaube, Erwachsensein beginnt genau da, wo sich das innere Kind mit seinen neugierig guckenden Augen, dem kaum zu stoppenden Lachen und der riesigen Lust aufs Leben verabschiedet. Dann, wenn der Alltag Alltag ist und das Leben nur noch irgendwie okay. Erwachsensein ist eine Entscheidung – davon bin ich fest überzeugt. Und die will ich eigentlich gar nicht treffen. Ich geh‘ jetzt schaukeln. Auf dem Ponyhof.