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Kommentar

»Ich habe abgetrieben. Was das aktuelle Urteil in den USA in mir auslöst

Abtreibung, Schwangerschaftsabbruch
„My Body, (NOT) my choice“: Vielen Frauen ist in den USA mit der jüngsten Entscheidung des obersten Gerichtshofes das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung abgesprochen wordenFoto: REUTERS/Chris Helgren

Es ist der 24. Juni 2022. Am Nachmittag – es ziehen gerade immer mehr Wolken auf – ploppt die befürchtete „Tagesschau“-Eilmeldung auf: Der Supreme Court hat in den USA das landesweit bestehende Recht auf Schwangerschaftsabbruch gekippt. Eine Entscheidung, die zu erwarten war und die ich dennoch nicht wahrhaben will.

Ich weine, bin wütend und voller Unverständnis. Ich atme durch, versuche, mich zu beruhigen, indem ich mich darauf fokussiere, dass Abtreibungen in den USA ja nicht gänzlich verboten werden, „nur“, dass jetzt den einzelnen Bundesstaaten die gesetzliche Regelung der Schwangerschaftsabbrüche obliegt. Ich beruhige mich nicht. Ich will mich nicht beruhigen. Denn, was das für konservativ regierte Staaten bedeutet, ist klar. Einige haben oder werden Abtreibungen komplett verbieten. In einigen wird ein Abort nicht einmal mehr möglich sein, selbst wenn die Schwangerschaft Folge eines Inzests oder einer Vergewaltigung ist. Mir wird schlecht.

Fast fünf Jahrzehnte galt das landesweite Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Einige Frauen in den USA haben jetzt weniger Rechte als ihre Mütter oder gar Großmütter. Das entschieden die neun Richter des Supreme Court im Verhältnis 6:3. Ein Supreme Court, der mit Donalds Trump Ernennung von drei Richtern deutlich konservativer geworden ist. Apropos Trump: Der feierte das Urteil. „Gott hat das entschieden“, verkündete er. Ich selbst glaube nicht an Gott, respektiere aber alle, die das tun. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass das auch im Umkehrschluss gelten würde. Vor allem für Abtreibungsgegner, die ihre Idee des Lebensschutzes religiös begründen und damit Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung verwehren.

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„Ich entschied mich für den Schwangerschaftsabbruch“

Fast zehn Jahre ist es her, dass ich trotz Verhütung ungewollt schwanger wurde. Meine damalige Beziehung stand zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Kippe. Ich war gerade arbeitslos und hatte keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, da ich innerhalb der letzten drei Jahre keine zwölf Monate in Deutschland gearbeitet hatte – zuvor hatte ich vier Jahre lang in der Schweiz gelebt. Die Beziehung vor dem Aus und temporäre Hartz4-Empfängerin: So wollte ich nicht Mutter werden. Ich entschied mich für den Schwangerschaftsabbruch.

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Eine Entscheidung, die ich frei treffen konnte. Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Eine Entscheidung, die es mir ermöglicht, mit einem zukünftigen Partner die Familie zu haben, die ich mir perspektivisch wünsche. Eine Entscheidung, die ich nie bereuen werde – auch, wenn es mit der eigenen Familie nicht klappen sollte.

Eine Entscheidung, die viele Frauen in den USA jetzt nicht mehr uneingeschränkt fällen und vor allem umsetzen können. Frauen, denen die Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Leben verwehrt wird. Frauen, die sich nicht davon abhalten lassen werden, abzutreiben und die sich nun gefährlichen Situationen aussetzen müssen.

Ich weine, bin wütend und voller Unverständnis. Doch eines weiß ich sicher: Für mich ist erzwungene Mutterschaft unrecht, ganz egal, welche Rechtsprechung dahintersteht.

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