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Erfahrungsbericht

Autorin erzählt: »Ohne Extra-Hormone spielt mein Körper verrückt

Magen mit Medizin
Jeden Tag eine kleine Dosis Fremdhormone – unsere Autorin erzählt, wie die Pille ihr das Leben erleichterte und warum sie heute dennoch eine andere Lösung gefunden hat Foto: Getty Images

Die Pille nehmen – ja oder nein? An dieser Frage scheiden sich die Geister, immerhin führen Frauen ihrem Körper dabei eine tägliche Dosis an Fremdhormonen zu, und das nicht selten über einen sehr langen Zeitraum. Unsere Autorin ist 24 Jahre alt und nahm die Pille viele Jahre durch. Warum die Einnahme für sie alternativlos war und welche Lösung sie heute gefunden hat, lesen Sie hier.

Von MARLENE POLYWKA

Vielen jungen Frauen wird oft schon fast obligatorisch die Pille verschrieben – aus Verhütungsgründen, weil der Zyklus unregelmäßig kommt oder weil schlicht die Haut verrückt spielt. Auch ich fing mit 14 Jahren an, die Pille zu nehmen, wobei es in meinem Fall um die extremen Schmerzen ging, die mich fast von meiner ersten Periode an begleiteten.

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Die Pille als Mittel gegen starke Regelschmerzen

Einmal im Monat hatte ich so krasse Unterleibsschmerzen, dass mir jeglicher Appetit abhanden kam, ich nicht mehr schlafen konnte und sogar der Gang zum Waschbecken zum schier unmöglichen Marathon wurde. Dazu gesellten sich bei mir sehr früh schon Kopfschmerzen und Übelkeit, für ca. drei Tage war ich quasi komplett ausgeknockt. Ohne Schmerzmittel ging wenig, erst recht keine zehnstündigen Schultage. Zu meinem Glück war eine Freundin meiner Mutter Gynäkologin und Spezialistin für Endometriose – schon früh äußerte sie den Verdacht, dass ich davon betroffen sein könnte. Deswegen war die Pille für mich zunächst gar kein Mittel zur Verhütung. Sie war vielmehr dieses magische Ding, das mir auf wundersame Weise Schmerzen ersparte und dafür sorgte, dass ich mich nicht anders fühlen musste als die anderen, die nicht wegen heftiger Schmerzen im Unterricht umkippten.

Pille
Die Antibaby-Pille wird gerade auch bei jungen Frauen bei starken Schmerzen und schlechter Haut verschriebenFoto: Getty Images

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Positive Nebenwirkungen als (willkommener) Bonus

Anfangs setzte ich die Pille noch ab und an für einige Tage ab, um die Blutung kommen zu lassen, aber in Absprache mit meiner Frauenärztin fiel auch das wegen meiner Schmerzen bald weg. Mit 15 nahm ich außerdem an einer einjährigen Endometriose-Studie teil, während der ich mich gezielter mit der Krankheit beschäftigte. Anfangs machte mir das Bild, das dazu in meinem Kopf entstand, Angst: Ich stellte mir wilde Wucherungen in meinem Unterleib vor, die einmal im Monat Amok liefen, um mich zu piesacken. Aber mit der Zeit und den abwesenden Regelschmerzen wurde dieses Schreckgespenst zunehmend harmloser, zeitweise vergaß ich die Krankheit sogar. Zusätzlich fiel mir auf, dass ich im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen ein deutlich besseres Hautbild hatte und meine Haare seltener fettig waren – für eine Teenagerin mitten in der Pubertät eine nicht unerhebliche Erkenntnis.

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Die Pille und ihre Risiken

Ich glaube nicht, dass nur die positiven Nebenwirkungen der Grund waren, warum ich mich erst vergleichsweise spät mit den negativen Aspekten der Hormoneinnahme auseinandersetzte. Da ich schon so früh begonnen hatte, gehörte die Pille für mich einfach zum Alltag dazu. Erst mit 20 begann ich mich für die mahnenden Stimmen zu interessieren, die von Thrombose, Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gehemmter Libido, Schilddrüsenunterfunktion etc. berichteten. Ich beschäftigte mich intensiv mit diesen Nebenwirkungen und machte mich schlau über alles, was mit der „Pille für den Mann“ zusammenhing. Warum sollte ich mich als Frau diversen Risiken aussetzen, während die Entwicklung eines Pendants für Männer wegen genau dieser Risiken nicht weitergeführt wird? Vor drei Jahren – 2017 – reifte in mir dann der Wunsch, die Pille endgültig abzusetzen. Vielleicht hatte ich die Schmerzen ja schlimmer in Erinnerung, als sie tatsächlich waren. Vielleicht hatte ich mit meiner guten Haut einfach nur Glück gehabt. Und vielleicht war ja sogar die Pille dafür verantwortlich, dass ich gelegentlich sehr nah am Wasser gebaut bin etc.

Unschönes Absetzungsdesaster

Im Januar 2018 setzte ich die Pille das erste Mal nach acht Jahren ab – und bereute es umgehend. Die Schmerzen waren sofort wieder da, die Kopfschmerzen und die Übelkeit sogar noch heftiger als jemals zuvor. Drei Monate lang lag ich während meiner Regel mit Krämpfen im Bett und ärgerte mich wahnsinnig über mich und meine Weinerlichkeit. Schmerztabletten so wie früher wollte ich keine nehmen, rückblickend bin ich mir heute fast sicher, dass das eine wenig hilfreiche Trotzreaktion war. Auch sonst bemerkte ich einige Veränderungen: Mein Hautbild verschlechterte sich, anfangs drastisch, dann wurde es schrittweise wieder besser. Außerdem nahm ich einige Kilogramm zu, ohne dass ich an meiner täglichen Fitness- und Ernährungsroutine irgendetwas geändert hatte. Das Bewusstsein darüber, dass mein Körper all die Jahre unter Einfluss von Hormonen gestanden hatte und nun einfach versuchte, ohne sie zurecht zu kommen, erschreckte mich.

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Zurück zu den Fremdhormonen – aber ohne Pille!

Nach vier Monaten knickte ich ein. Meine Lebensqualität hatte rapide abgenommen, die Zeit zwischen meinen Zyklen war von der Angst vor der nächsten Menstruation bestimmt. Das alles wog allerdings für mich nicht so schwer wie die Tatsache, dass sich meine Schleimhaut deutlich verdickt hatte. Mein Mann und ich hatten und haben keinen konkreten Kinderwunsch, aber die Aussicht, schon mit 22 Jahren gar nicht mehr die Wahl zu haben, war nicht besonders schön. Also mussten wieder Hormone her, zur Pille wollte ich aber auf  keinen Fall zurück. Die Lösung lag für mich in einer Hormonspirale, zu der mir auch meine betreuende Gynäkologin riet: Durch das gezielt lokale Freisetzen der Hormone ist die Dosis deutlich geringer und trotzdem wirkungsvoll. Mittlerweile habe ich diese Spirale seit 2 Jahren, planmäßig funktioniert sie noch für die nächsten 3 Jahre. Dann lässt die Wirkung nach und ich muss mir überlegen, wie es weitergeht.

Hormonspirale
Die Hormonspirale wird vom Gynäkologen eingesetzt und setzt nur lokal Hormone frei Foto: Getty Images

Mein Leben mit der Hormonspirale

Tatsächlich hält mich die Spirale weitestgehend beschwerdefrei. Direkt nach dem Einsetzen hatte ich für zwei Tage leichte Druckschmerzen im Unterleib, beim Sex hielt das unangenehme Gefühl ungefähr einen Monat an. Nachdem zu Beginn der Sitz der Spirale zwei Mal kontrolliert wurde, reicht inzwischen eine jährliche Kontrolle beim Frauenarzt aus. Wenn ich doch eine regelähnliche Blutung bekomme, dann eigentlich nur nach einer heftigen körperlichen Aktivität wie einer besonders harten Trainingseinheit. Die gewohnten Begleiterscheinungen wie Migräne fallen glücklicherweise viel weniger heftig aus und sind für mich heute gut in den Griff zu bekommen. Meine Haut ist zwar nie wieder so gut geworden wie zu meinen Teenagern-Zeiten (klingt fast schon paradox!), aber ich fühle mich insgesamt wohler in meinem Körper als zu jener Zeit, als ich die Pille noch genommen habe. Und tausendmal wohler als ohne die Unterstützung von Extra-Hormonen.