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Meinung

Das neue Abtreibungsgesetz in den USA geht uns alle an!

Schild mit Spruch
Frauenrechte sind Menschenrechte – ein Symbolbild für die Proteste gegen das neue Gesetz in den USA und für legale AbtreibungFoto: Getty Images

Seit dem 24. Juni sind Millionen von Amerikanern in Schockstarre – und die Welt mit ihnen. Der Oberste Gerichtshofs hat sich trotz monatelanger Proteste dazu entschieden, Roe v. Wade zu kippen: ein 50 Jahre altes Gesetz, das das Recht eines Menschen auf Abtreibung schützte. Das hat für alle Frauen und Menschen mit Gebärmutter weltweit Folgen. Auch Deutschland sollte unbedingt Stellung beziehen, meint unsere Redakteurin.

Mit einer kurzen Entscheidung wird fast 170 Millionen amerikanischen Frauen und Menschen mit Gebärmutter die Autonomie und Handlungsfähigkeit weggenommen und gewählten Beamten überlassen. Fundamentalistische Christen und andere konservative religiöse Gruppen fühlen sich berechtigt, ihre persönlichen Überzeugungen als übergeordnete Gesetze durchzusetzen. Dabei sollte die Entscheidung, ob eine Abtreibung durchgeführt werden soll, weiterhin dem Einzelnen überlassen bleiben – selbstverständlich in Konsultation mit einem qualifizierten Arzt.

Frauen sollten über ihren Körper bestimmen dürfen

Die gesetzliche, amerikanische Religionsfreiheit ist nichts als eine Farce. Der tief sitzende Hass auf Frauen und marginalisierte Communities beraubt die Bürgerinnen des Rechts, ihr Leben selbst zu bestimmen. Es ist Ironie des Schicksals, dass sich ein Land, das sich auf individueller Freiheit und Wahlfreiheit gründet, genötigt fühlt, den Verlauf des Lebens anderer zu diktieren und Abtreibung fremd bestimmt.

Auch interessant: Wie läuft eine Abtreibung ab und welche Risiken gibt es?

Bei einem Scroll durch die amerikanischen Medien war ich überwältigt von den Kommentaren, die vorschlugen, besser zu verhüten oder einen Umzug oder eine Reise in einen anderen Staat als machbare Option anboten. Vollkommener Unsinn! Der Hinweis auf Eigenverantwortung ist nicht die Lösung. Selbst die korrekteste Anwendung von Verhütungsmitteln kann fehlschlagen. Viele Familien existieren heute nur deshalb, weil Frauen sich gegen ein Kind entscheiden konnten, als sie noch zu jung waren, um Eltern zu werden. Erst die Möglichkeit, frei zu entscheiden, konnte ihnen den Raum geben, zu Menschen heranzuwachsen, die ein Kind voll unterstützen können.

Soziokulturelle Bedingungen können nicht über einen Kamm geschert werden

Mangelnde Rücksichtnahme ist besonders für die afroamerikanische Bevölkerung ein Schlag ins Gesicht. Die POCs Amerikas haben mit am meisten zu verlieren, da genau sie eine bereits erstaunlich hohe Müttersterblichkeitsrate haben. Die Aufhebung des Urteils Roe v. Wade ist ein verheerender Wendepunkt für das Land und unterstreicht die dringende Notwendigkeit einer ernsthaften Überprüfung der Leitprinzipien. Amerikas Abhängigkeit von traditionellen Machtsystemen, die das weiße Vorherrschaftssystem und das heteronormative Patriarchat aufrechterhalten, ist selbstzerstörerisch.

Wir dürfen uns nicht vom Abtreibungsgesetz entmutigen lassen

Wenn der Oberste Gerichtshof das Persönlichkeitsrecht eines Bürgers in die Hände der Regierung legen kann, welche verheerende Folgen könnte es dann noch haben? Genau dieses Gericht könnte dasselbe mit der Empfängnisverhütung oder der gleichgeschlechtlichen Ehe tun und es staatlichen Stellen erneut erlauben, in die persönliche Freiheit der Amerikaner einzugreifen. Noch tragischer wäre es, wenn sich andere Länder von dem Urteil angespornt fühlen, ebenfalls Abtreibungsgesetze anpassen zu wollen. Man darf nicht vergessen, welch Strahlkraft amerikanische Entscheidungen bis heute haben.

Es ist unglaublich wichtig, dass wir uns durch die jüngsten Ereignisse nicht entmutigen lassen und uns weltweit auf die Seite der amerikanischen Frauen stellen. Sei es durch Social Media Posts, Äußerungen unserer Politiker oder Demonstrationen.

US-Präsident Joe Biden bezeichnete das Urteil als „tragischen Fehler.“ Es sei Ausdruck einer „extremen Ideologie.“ Der Präsident sprach von einer „grausamen Entscheidung“ und warnte: „Die Gesundheit und das Leben der Frauen dieses Landes sind jetzt in Gefahr.“ Biden rief den Kongress auf, das Recht auf Abtreibungen in einem Bundesgesetz festzuschreiben. Ob und wann das der Fall sein wird, unklar. Ein Funken Hoffnung bleibt dennoch.

Quellen

– US supreme court overturns abortion rights, upending Roe v Wade, The Guardian
– Op-Ed: The end of Roe will be a death sentence for many Black women, Los Angeles Times

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