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Ukrainischer Designer im STYLEBOOK-Interview

Welche Rolle kann Mode in Kriegszeiten spielen, Jean Gritsfeldt?

Foto von der Eröffnung der Fashion Show von Jean Gritsfeldt
Kollektion des Ukrainischen Fashion Designers Jean Gritsfeldt auf der Fashion Show in BerlinFoto: Getty Images

Die Marke Jean Gritsfeldt gehört zu den bekanntesten und am schnellsten wachsenden Fashion-Brands in der Ukraine. Mitte März setzte der gleichnamige Designer bei der Fashion Week in Berlin mit der Inszenierung aktueller Entwürfe ein eindeutiges Zeichen gegen den Krieg, er selbst durfte nicht anreisen. STYLEBOOK sprach mit Gritsfeldt, der in Kiew lebt, über Fashion und Kultur in Kriegszeiten und was er sich selbst für sein Land und die Zukunft wünscht.

Jean Gritsfeldt träumte schon als Kind davon, schöne Kleider zu entwerfen, seine erste Kollektion stellte er während seines Studiums an der Universität für Technik und Design vor. Die Kollektion, die im März auf der Fashion Week in Berlin gezeigt wurde, entstand bereits vor dem Krieg, der sein Heimatland derzeit erschüttert. Das Showkonzept musste last minute angepasst werden: Sirenengeheul, blutverschmierte Models und eine ukrainische Flagge, die sich über den Laufsteg spannte – das war die Symbolik der Show des ukrainischen Designers. „Es interessiert niemanden, was man gerade anhat“, wandte sich der 32-jährige Modedesigner per Videoschalte an das Publikum.

STYLEBOOK erreicht Jean Gritsfeldt via Telefon in Kiew. Während der Angriffe auf seine Stadt war er in der Wohnung seiner Mutter, um sie zu unterstützen. „Ihr Haus befindet sich an einem Brennpunkt, in der Nähe des Flughafens Zhulyany. Wir sahen, wie Granaten in die Häuser flogen und hörten ständig den Lärm der Sirenen. Anfang April zog ich in meine Wohnung, die ich kurz vor dem Krieg angemietet hatte. Die liegt in Podol, dem kulturellen Zentrum von Kiew. Ich wollte sehen, wie die Menschen dort leben und wie ihr Alltag aussieht.“

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STYLEBOOK: Was macht der Krieg mit Ihnen und Ihrer Arbeit?

Jean Gritsfeldt: „Vor nicht allzu langer Zeit war es unmöglich, an das zu glauben, was jetzt geschieht. Ich habe es mir bis zum letzten Moment nicht vorstellen können, dass das wirklich passiert. Jetzt versuche ich, einen lebendigen Funken, ein inneres Kind in mir zu bewahren. Der Bereich, in dem ich arbeite, ist in der Ukraine völlig zum Erliegen gekommen. Aber unsere Waffe ist die Kunst, mit der wir die Welt zum Besseren verändern können. Das ist unser Auftrag. Selbst während des Krieges ist es uns gelungen, ein großartiges Projekt auf die Beine zu stellen, dass so viele Menschen in der ganzen Welt berührt hat. Ein Kunststück, das unsere DNA und unser Wort weit über die Landesgrenzen hinaus streut.“

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Fühlen Sie sich sicher? 

„Ich dachte immer, dass es dort, wo ich bin, sicher ist. Seit der Corona-Pandemie habe ich mich ständig gefragt, warum ich hier bin und was meine Aufgabe ist. Warum geschieht alles im Leben so, wie es geschieht? Ich bin meditativ vorgegangen. Das gibt mir Einsicht, über der Situation zu stehen und die Dinge global zu betrachten, denn ich spüre deutlich eine Veränderung in der Welt.“

Wie arbeiten Sie derzeit?

„Die Welt verändert sich, die alten Gesetze sind ausgehebelt. Um Neues aufzubauen, muss man – so sehr es mich auch schmerzt – Altes niederreißen. Ich glaube, dass diese Zerstörung uns in naher Zukunft Besseres bringen wird. Vielleicht etwas, das die Menschheit in letzter Zeit zu vergessen begonnen haben, indem sie sich auf das Materielle, auf das Sekundäre, auf die Bedienung ihrer Egozentrik statt auf den Menschen konzentriert haben. Ich versuche weiterzumachen, obwohl alle früheren Prozesse und meine Verbindungen zu Prominenten, mit denen ich früher zusammengearbeitet habe, gerade auf Pause stehen. Man kann nicht sagen, wie sich der Modemarkt entwickeln wird, aber er wird sich mit Sicherheit stark verändern. Nach dem Projekt in Berlin streben wir auf jeden Fall internationale Aufmerksamkeit an.“

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Was steht hinter Ihrer Marke?

„Bei uns geht es um den Blitz im Auge des Betrachters und die Möglichkeit, mehr als nur Kleidung anzuziehen. Die meisten meiner Kunden kamen aus Europa, Amerika und Asien, vielleicht weil die Menschen dort etwas freier und selbstsicherer sind. Die Kollektion, die in Berlin gezeigt wurde, handelte auch davon – sie handelte von Freiheit und Akzeptanz. Es ging nicht um Kleidung, es ging nicht um Trends, es ging um eine Geisteshaltung, die die Menschen haben und die sie dann mit Kleidung vervollständigten. Trotz all des Schmerzes, der Trauer, der Tränen und der Verzweiflung, ja sogar der Hoffnungslosigkeit und der Unfähigkeit das aufzuhalten, was uns bevorsteht, sehe ich immer noch große Chancen. Es ist eine Zeit, in der alles passieren kann.“

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Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?

„Mein Team und ich haben beschlossen, stark zu sein und weiterhin das zu tun, was wir können, und laut über alles zu sprechen, was hier passiert. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir diese Kraft haben, wir haben allen gezeigt, wozu wir fähig sind. Ich glaube, dass wir bereits gewonnen haben, wir brauchen nur mehr Zeit, um das in der Realität umzusetzen. Und natürlich brauchen wir auch Unterstützung. In naher Zukunft planen wir eine Reihe anderer Projekte, neben der Mode lege auch als DJ auf. Wir bereiten die Veröffentlichung meines Soloalbums vor, eine neue Kollektion ist in Planung. Ein Teil des Umsatzes soll dabei in kulturelle Stiftungen fließen.“

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