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Heroin Chic: Die Nachteile des Fashion-Trends

Einordnung

Darum geht das Fashion-Comeback vom „Heroin Chic“ gar nicht

Dieses durchaus gewöhnungsbedürftige Outfit verdanken wir Miu Miu und seinem hyped Mikro-RockFoto: Getty Images

Ein kürzlich erschienener Artikel in der New York Post, mit der Überschrift: „Bye-bye Hintern: Der Heroin-Chic ist zurück“, löste eine Kette der Empörung aus. Und wie wir finden, auch zurecht! STYLEBOOK nennt Gründe, warum dieser Trend auf gar keinen Fall zurückkommen sollte und fragte bei einem Experten nach einer professionellen Einordnung der Thematik.

Es ist kein Geheimnis, dass die Mode der Neunziger und frühen Nullerjahre ein echtes Comeback erlebt hat. Doch während viele von uns in der Freude schwelgen, wieder blauen Lidschatten und Juicy-Couture-Trainingsanzüge zu tragen, haben wir auch Angst vor dem Wiederaufleben eines anderen Trends: dem „Heroin Chic“.

Woher stammt der Begriff „Heroin Chic“?

Der Begriff „Heroin Chic“ wurde erstmals in den Neunzigern geprägt und zeichnete sich durch blasse Haut, dunkle Augenringe und ausgemergelte Gesichtszüge aus. Kurzum: alle Merkmale, die mit dem Missbrauch von Heroin oder anderen Drogen in Verbindung gebracht werden. Das Supermodel Kate Moss, die damals berühmt-berüchtigt gesagt hat, dass „nichts so gut schmeckt, wie sich dünn anfühlt“, einen Satz, den sie heute bereut, wie sie einmal zugab, wurde zum Aushängeschild für diesen Look. Zahlreiche Studien stellten damals eine Verbindung zwischen dem „Size Zero“-Trend und der Verbreitung von Essstörungen bei jungen Frauen her. Statistiken zeigen, dass Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren zwischen 2000 und 2009 bisher am häufigsten von Essstörungen betroffen waren.

Wie es zum ungewünschten Comeback kam

Mit dem Aufkommen der Sozialen Medien hatten wir plötzlich Zugang zu Fotos von Frauen mit Körpern, die ganz anders aussahen als die, die wir auf den Laufstegen oder in den Magazinen gesehen hatten. Body Positivity boomte, mit Prominenten wie Tess Holliday und Jameela Jamil als Vorreiterinnen, welche Frauen ermutigten, sich endlich in ihrer eigenen Haut wohlzufühlen.

Doch dann wendete sich das Blatt erneut. Anfang dieses Jahres nahm Kim Kardashian acht Kilogramm ab, um für die Met-Gala in ein Kleid von Marilyn Monroe zu passen. An sich kein Ding, aber Kim K. betonte es in jedem Interview außerordentlich oft. Fast zeitgleich brachte Miu Miu einen Mikro-Mini-Rock auf den Markt, von dem viele sagen würden, er habe mehr Ähnlichkeit mit einem Gürtel. Und kürzlich begrüßte die New York Post scheinbar die Rückkehr der „Size Zero“ mit einem Artikel, der die Überschrift trug: „Bye-bye Hintern: Der Heroin-Chic ist zurück“.

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Der Artikel und der dazugehörige Instagram-Post gingen schnell viral und erhielten Reaktionen von Lesern wie „Nein, verdammt, das ist es nicht“. Aber nicht nur die Leser nahmen Anstoß an dem Posting, auch Prominente und Influencer kritisierten die Behauptung, dass der „Heroin-Chic zurück ist“, stark.

Stars kritisieren Heroin Chic

„Nein. Nein. Scheiß darauf“, schrieb TV-Moderatorin und Schauspielerin Jameela Jamil auf Instagram neben einem Screenshot des Artikels der New York Post. „Wir gehen nicht zurück, und wie können die Medien es wagen, diesem Schwachsinn Sauerstoff zu geben?!“

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Jamil fuhr fort: „Ich gehöre zu der Generation, die die erste Welle erlebt hat. Wir haben uns nie ganz davon erholt. Ich habe zwei Jahrzehnte meines Lebens verloren. Ich BITTE Sie, dies gewaltsam abzulehnen und alle Menschen, Zeitschriften oder Nachrichtenkanäle, die an der Verbreitung dieser Hölle beteiligt sind, gewaltsam abzulehnen. Wir haben so hart gearbeitet und so viele Fortschritte gemacht, und wir lassen uns nicht zurückdrängen.“

Aktuelle Artikel

BBC-Moderatorin fühlte sich durch den Artikel getriggert

Fearne Cotton, eine beliebte britische Moderatorin, die unter Essstörungen litt, sagte: „Ich habe die Diskussion um den Artikel verfolgt, der hier die Runde macht, dass der Heroin Chic wieder da ist. Ich war mir nicht sicher, was ich sagen soll oder ob ich überhaupt etwas sagen soll. Ich war zehn Jahre lang Bulimikerin, was zum Teil eine Frage des Selbsthasses und zum Teil ein Kontrollmechanismus war“, fuhr sie fort. „Fühle mich immer noch unwohl dabei, darüber zu sprechen, nur angespornt durch das Wissen, dass so viele jetzt damit zu kämpfen haben und das Gefühl haben könnten, dass sie den Kreislauf nie durchbrechen können.“

Cotton weiter: „Der weibliche Körper wurde lange Zeit diskutiert und besessen, und wir müssen uns daran erinnern, dass wir uns niemals für einen Körper schämen sollten. Gehen Sie sanft mit sich um und wissen Sie, dass Sie heilen können. Ich erwähne das, weil ein Teil meines Selbsthasses daher rührt, dass ich mich körperlich ‚falsch‘ fühlte. Zu breit, zu eckig, zu kantig in manchen Bereichen aufgrund der Bilder, die allgegenwärtig waren, als ich aufwuchs“, fügte sie hinzu. „Ich habe unbewusst alles, was ich aufgesaugt habe, auf meinen eigenen Selbstwert übertragen. Ich kann auch heute noch auf diese Weise getriggert werden, aber ich habe eine Menge Heilung betrieben, um mich robuster zu fühlen.“

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Der Heroin Chic fördert Essstörungen

Wir wollten es genauer wissen, und haben bei einem Experten nachgefragt. STYLEBOOK sprach mit Prof. Dr. Dr. med. Werner Mang, ärztlicher Direktor der Bodenseeklinik, Klinik für Ästhetische und Plastische Chirurgie, und Präsident der Internationalen Gesellschaft für Ästhetische Medizin (IGÄM e.V.) über den Heroin Chic und seine schädlichen Folgen.

STYLEBOOK: Warum trendet der Heroin Chic gerade jetzt?

Prof. Werner Mang: „Wirft man einen Blick auf die sozialen Medien, erkennt man viele skurrile und fragwürdige Trends, die sich durch die Schnelllebigkeit des Internets automatisch verbreiten. Influencer dienen hierbei als Multiplikatoren und als „role models“ für die Nutzer, die ihren Vorbildern nachahmen wollen. Die gesamten sozialen Netzwerke – vor allem TikTok – sind signifikant für das (wieder) Aufstreben von Schönheitsidealen. So auch jetzt der „Heroin Chic“-Trend.“

Wie macht sich das im Beauty-Kosmos bemerkbar?

„Stars wie Kim Kardashian, die durch ihre Kurven auf sich aufmerksam gemacht hat, haben sich ihren Brazilian Butt Lift (BBL) wieder rückgängig machen lassen, wobei diese Behandlung erhebliche Risiken – sowohl der BBL, als auch der Reverse BBL – birgt. Der BBL ist mit einer Mortalitätsrate von 1:3000 der gefährlichste Eingriff der Welt und sollte aufgrund eines fragwürdigen Trends auf gar keinen Fall durchgeführt werden. Es sollte immer die Gesundheit und die Sicherheit jedes Menschen im Vordergrund stehen.“

Welche Auswirkungen auf die Psyche kann der Wunsch nach „immer dünner“ haben?

„Schon damals war das Schlankheitsideal sehr gefährlich und schädlich für die Psyche, die Diätkultur hat sich damals in das Denken vieler Menschen eingebrannt, wobei dies heutzutage durch die sozialen Medien noch einmal verstärkt wird. In Wirklichkeit wird damit die Unsicherheit der Nutzer ausgenutzt, und Menschen, die dieses „Schlankheitsideal“ verinnerlichen, haben ein größeres Risiko, eine Körperunzufriedenheit zu entwickeln, die im schlimmsten Fall zu einer Essstörung führen kann. Dies als ‚Trend‘ abzustempeln, verherrlicht zudem nur Essstörungen, welche eine sehr ernstzunehmende psychische Erkrankung ist.“

Beim Heroin Chic wird Drogenkonsum verherrlicht, was könnte das für Auswirkungen haben?

„Gerade junge Mädchen können die Gefahr eines solchen Trends nicht einschätzen. Und hinterfragen diesen meist auch nicht, weshalb nicht nur das Aussehen plötzlich interessant für sie sein könnte, sondern auch der Hintergrund des Trends. Nämlich so aussehen zu wollen, als hätte man bestimmte Substanzen zu sich genommen. Es kann nicht nur eine Sucht nach dem perfekten Aussehen entstehen, sondern nach dem vermeintlich perfekten Lebensgefühl durch die Einnahme von gefährlichen Drogen. Eine entsprechende Aufklärung über die Thematik und die gesundheitlichen Folgen ist daher aktuell notwendiger denn je.“ 

Wie kann etwas trenden (Körperformen/Bau), wofür viele Menschen aufgrund von Veranlagung nichts können?

„Das Körperbild an sich war schon immer ein weit verbreitetes Thema in der Gesellschaft, vor allem bei jungen Frauen, aber durch die sozialen Medien hat dieses Thema noch mehr an Komplexität gewonnen. Grundsätzlich sollte jeder Mensch sein eigenes Schönheitsempfinden für sich akzeptieren und vor allem sollte man sich keiner ästhetischen Behandlung unterziehen, weil man sich dazu durch teilweise unrealistische Schönheitsideale gedrängt oder gezwungen fühlt. Wenn sich jemand in seiner Haut nicht wohlfühlt, unabhängig von Trends oder Vorbildern in den sozialen Medien, dann kann man sich auch bei einem Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie vorstellen.“

Fazit

Auch wenn die Kardashians dazu beigetragen haben, üppige Hinterteile zu normalisieren, gibt es Sanduhr- und größere Figuren schon seit Anbeginn der Zeit. Und seien wir ehrlich – Fettphobie ist immer noch sehr lebendig. Und obwohl es ermutigend ist, dass große Modemarken mehrgewichtige Models wie Paloma Elsesser und Precious Lee unterstützen, haben wir noch einen langen Weg vor uns, da unsere Gesellschaft weiterhin dünnere Körper privilegiert. Wachsamkeit, dass sich toxische Körperbilder der Vergangenheit nicht wiederholen und schleichend wieder zur Normalität werden, ist also geboten.

Zudem ist ein Körpertyp kein Trend. Man sollte seine physischen Attribute nicht dem Zeitgeist anpassen. Dem Optimierungswahn der Neuzeit entgegenhalten. Sich selbst lernen, zu lieben. Der Heroin-Chic kann in den Neunzigern bleiben, wo er hingehört. Wir bevorzugen die Zukunft.

Quellen

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