Dermatologin klärt auf

Retinol als Anti-Falten-Wunder – so gut wie sein Ruf?

Retinol
Retinol soll nicht nur bei Falten helfen, auch Akne und Unreinheiten können damit behandelt werden. Aber ist das Mittel wirklich ungefährlich? STYLEBOOK fragte bei einer Expertin nach
Foto: Getty Images

Galt Hyaluronsäure lange Zeit als das Wundermittel gegen Falten, schwören heute viele Frauen auf Retinol, wobei das Vitamin-A-Präparat auch bei Akne und Umwelteinflüssen helfen soll. Aber ist es wirklich so sinnvoll wie sein Ruf? STYLEBOOK fragte bei einer Expertin nach.

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Was ist Retinol?

„Retinol ist die Bezeichnung für Vitamin A1 und ist die biologisch wichtigste Form des fettlöslichen Vitamin A, das dem Körper über die Nahrung vorgefertigt oder als Provitamine zugeführt werden muss“, erklärt Dr. Yael Adler, Dermatologin aus Berlin. Es kommt ausschließlich in tierischen Lebensmitteln wie Leber, Butter, Milch, Eier und Käse, aber auch in einigen Seefischen vor. In pflanzlichen Lebensmitteln ist lediglich das Pro-Vitamin A, auch Beta-Carotin genannt, enthalten, was jedoch vom Körper in geringeren Mengen in Vitamin A umgewandelt werden kann. Daneben wird Retinol auch immer häufiger in medizinischen oder kosmetischen Produkten verwendet. Besonders beliebt ist das Vitamin im Bereich der Anti-Aging-Pflege.

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Wie wirkt Retinol?

Vitamin A beeinflusst die Zellvermehrung und Zellspezialisierung. Das Gewebe wird regeneriert, Lichtschäden in der Oberhaut können repariert werden. Zudem wird auch der Kollagen-Stoffwechsel angekurbelt, der wichtig für die Bildung von neuem Stützgewebe ist. Enzyme, die Kollagen in den Zellen abbauen, können durch die Zugabe von Vitamin A gestoppt werden – Falten werden also tatsächlich aufgepolstert, die Zellmembran wird stabilisiert. „Retinol schützt vor Infektionen und kontrolliert die Zelldurchlässigkeit. Der Wasserverlust der Zelle wird also weniger, was die Haut praller und strahlender erscheinen lässt. Die Austrocknung wird reduziert“, erklärt die Dermatologin im Gespräch mit STYLEBOOK.

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„In der Dermatologie werden Retinsäuren gerne als Arzneimittel verwendet, da sie stark auf der Haut wirken. Retinol und seine Abkömmlinge gelangen in die Zellen und den Zellkern der Zellen der oberen Hautschicht, der Epidermis, und an die Zellen des Bindegewebes in der Lederhaut. Dadurch wird der Stoffwechsel der Zelle stimuliert“, erklärt Adler. Tretinoin ist dabei eine Säure, die entsteht, wenn Retinol durch Enzyme chemisch verändert wird. Weil Tretinoin 20-mal stärker wirkt, aber dadurch eben auch stärker reizen kann als Retinol, ist es verschreibungspflichtig und als Akne-Mittel erhältlich. Neben Retinol werden in Kosmetika Retinol-Vorstufen verwendet, sogenannte Retinol-Ester, die erst in der Haut zu Retinol umgewandelt werden und deswegen sanfter sind.

Wofür wird Retinol angewendet?

„Retinol wird hauptsächlich in der Anti-Aging-Pflege eingesetzt, um die Haut optisch zu verjüngen, Falten entgegenzuwirken und Sonnenschäden abzumildern“, sagt die Dermatologin. Im Gegensatz zu Hyaluronsäure, die aufgecremt nur die tote Hornschicht für ein paar Stunden aufplustert, verbessert Vitamin A die Hauttextur im Bereich der lebendigen Zellen. Vitamin A ist für die Wachstumsprozesse in den Zellen verantwortlich und kann die Hautqualität und die Verhornung positiv beeinflussen. Aus diesem Grund werden die schälenden Retinsäuren auch bei Akne eingesetzt: Narben heilen besser ab und durch den leichten Peeling-Effekt werden verstopfte Poren frei, sodass sich keine neuen Unreinheiten bilden. In Kombination mit anderen Antioxidantien hilft Retinol, die Haut vor Umwelteinflüssen zu schützen: Es wirkt wie ein Schutzschild für die Zellen, die dadurch länger intakt bleiben und die Hautalterung verzögern.

Welche Risiken gibt es bei Retinol?

Ganz harmlos ist die zusätzliche Verwendung von Vitamin A nicht: Bei empfindlicher Haut kann es nach der Anwendung zu Rötungen oder Schuppen kommen. Bei einer Überdosierung von Vitamin A über die Nahrung sind sogar Übelkeit, Kopfschmerzen bis hin zu Leberschäden möglich, warnt die Expertin. Durch den Peeling-Effekt steige zudem die Sonnenempfindlichkeit der Haut, eine extra Schicht Sonnencreme sei nach jeder Verwendung also Pflicht. Schwangere oder Frauen, die demnächst planen, ein Kind zu bekommen, sollten komplett auf die Verwendung von Vitamin A- bzw. retinolhaltigen Kosmetika oder Arzneien verzichten. Dr. Adler: „Vitamin A wird über die Nabelschnur weitergeben und kann zu schweren Schädigungen beim Embryo führen.“

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Da wir im Normalfall ausreichend Retinol über die Nahrung zu uns nehmen und es in der Regel keinen Mangel im Körper gibt, kann es schnell zu einer Überdosierung kommen. „Das ist auch über die Haut möglich“, weiß Dr. Adler. Aus diesem Grund hat das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits 2014 die Begrenzung der Höchstmengen von Retinol in kosmetischen Produkten gefordert. So steht Retinol im Verdacht, bei einer regelmäßigen Überdosierung zur Abnahme der Knochenmineraldichte zu führen. Das sei gerade für Frauen nach der Menopause, die zur Zielgruppe von Anti-Aging-Produkten gehören, besonders gefährlich. Trotzdem würden manche nicht davor zurückschrecken, sich Arzneien mit einer hohen Konzentration an Retinsäure gegen vermeintliche Akne verschreiben zu lassen, um am Ende ein starkes Anti-Aging-Produkt zu bekommen. „Sie verlassen hier den Bereich der Kosmetik und behandeln sich mit Arzneimitteln, inklusive Risiken und Nebenwirkungen“, warnt die Fachärztin.

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Retinol – was empfiehlt die Expertin?

„Bei einer ausgewogenen Ernährung ist die Aufnahme von zusätzlichem Vitamin A nicht erforderlich“, so Adler. Das pflanzliche Provitamin A (Betacarotin) zum Beispiel aus dem Möhrensaft sei eine sichere und sehr gesunde Alternative, die zudem nicht zu einer Überdosierung führen könne. Täglich ein Glas mit einem Tropen Öl für die bessere Aufnahme in den Körper färbe die Haut dezent von innen, repariere Schäden und verlängere den Eigenschutz der Haut gegen die Sonne um das zwei- bis dreifache. „Wer zusätzlich der Hautalterung von außen entgegenwirken möchte, der sollte Retinol nur in geringen Mengen einsetzen“, erklärt die Expertin. In der EU sind Konzentration bis zu 1% in kosmetischen Mitteln zu finden, die Dermatologin empfiehlt jedoch, sich langsam heranzutasten und mit einer Dosierung von 0,01% zu starten und sich erst dann auf 0,3 % zu steigern. Höhere Dosierungen von etwa 1% existieren, sind aber umstritten. Und trotz geringer Mengen rät die Dermatologin nachdrücklich dazu, Kosmetika mit Retinol nur im Gesicht und an den Händen zu verwenden. Am restlichen Körper könne es wegen der großen Fläche schnell zu einer Überdosierung kommen, auf die Lippen aufgetragen, könne es zudem zu Reizungen kommen.