Neuer Hipster-Trend Normcore
von Thomas Helbing
Die neue Durchschnittlichkeit

Sind Sie noch ganz normal? Dann ist ja alles gut! Denn normal ist der letzte Schrei in der Mode. Normcore heißt der Trend, dem jetzt alle hinterherhecheln. Was dahinter steckt und warum der Trend eigentlich gar keiner ist – STYLEBOOK klärt auf.

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    Foto: getty images

    Normcore ist das neue Hipster. Und Normcore bedeutet im Einheitslook bewusst unmodisch zu sein. Hätten Sie vermutet, dass die Damen im Bild für die Modebranche arbeiten? Die zweite von rechts ist Nathalie Hartley, Modechefin der „Glamour“. Daneben: Rachel Wang, Market Director für das Modemagazin „Nylon“ und Streetstyle-Star Nasiba Adilova

Woher kommt der Begriff?
Den Begriff Normcore hat die Agentur K-Hole aus New York erfunden. Sie haben die Studie „Youth Mode: A Report of Freedom“ über den Bekleidungsstil junger Leute veröffentlicht und darin das Wort geprägt. Normcore verbindet „normal“ und „core“, abgeleitet von „hardcore“. Die Journalistin Fiona Duncan hat sich daraufhin dem Thema in einem Artikel fürs „New York Magazine“ angenommen und das Phänomen beschrieben – und damit in den Medien eine Welle ausgelöst.

Was dahinter steckt?
Fiona Duncan will für ihren Artikel beobachtet haben, dass man in New York mittlerweile Hipster nicht mehr von mittelamerikanischen Touristen unterscheiden könne. Beide würden sich in ausgewaschene Jeans, Fleece-Pulli und gemütliche Sportschuhe kleiden. Darum geht es bei Normcore. Bewusst auf Modetrends zu pfeifen, das anzuziehen, worauf man Lust hat, unbeachtet bleiben. Das Motto: Kümmert euch um alles, nur nicht um Mode. Erlaubt: Sich im Einheitslook in die Masse integrieren, jeder soll wie jeder andere aussehen. Nicht erlaubt: Sich bewusst mit einem individuellen Outfit von der Masse abheben. „Der Normalo wird zum Extremisten“, erklärt Thomas Huber, Chefredakteur beim Zukunftsinstitut in München, den Begriff im STYLEBOOK-Interview. „Allerdings sollte nicht allzu viel hinein interpretiert werden. Das Normale kann per se nicht extrem sein, es sein denn, es wäre vorher die Norm, immer nur extrem zu sein“, so Huber. 

Wie funktioniert Normcore?
C&A statt Chanel, Kik statt Kenzo, Quelle.de statt Net-a-porter.com, Auslagetisch im Kaufhaus statt Luxus-Boutique. Verstanden!?

Was das soll?
Die Agentur K-Hole schreibt zu Normcore: „Vor ganz langer Zeit wurden Menschen in Gemeinschaften herangezogen, in denen sie ihre Individualität finden mussten. Heute werden Menschen als Individuen geboren und suchen sich eine Gemeinschaft.“ Übersetzt: Abgrenzen ist out, das Mitschwimmen in der Masse das Nonplusultra. Mittelmaß ist spitze! Oder wie K-Hole schreibt: „Freiheit bedeutet bei Normcore, mit jedem zusammen zu sein.“ Vergleichen ließe sich das mit den Glücksgefühlen beim Public Viewing eines Fußballspiels, so K-Hole. Versteckt will Normcore natürlich Mode kritisieren. Durch die ganzen Streetstyle- und Mode-Blogs sei der Druck, etwas besonderes sein zu müssen, immer größer geworden. Wir wollen immer mehr: mehr Aufmerksamkeit, mehr Geprotze, mehr Blitzlicht. Modische Durchschnittlichkeit soll als Ventil funktionieren.

Die Kritik an Normcore
Normcore sorgt schon jetzt für Chaos. Kann denn etwas trendig sein, das kein Trend sein will? Wie kann etwas erfunden werden, das es ja schon gibt und massenweise täglich praktiziert wird? Und wer kann beweisen, dass sich die durchschnittliche Passantin nicht genauso viel Gedanken über ihr durchschnittliches Outfit gemacht hat, wie beispielsweise Mode-Paradiesvogel Anna Dello Russo in ihrer extravaganten Couture? Genau darin liegt das Dilemma. Denn wenn sich Fashion-People, immerhin eine Minderheit im großen Ganzen, jetzt BEWUSST antimodisch kleiden, sehen sie noch lange nicht so aus wie alle. Schließlich wollen wir jemand sein, und kein Niemand. „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“, schrieb ja bereits George Orwell in seiner Parabel „Farm der Tiere“.

Thomas Huber vom Zukunftsinstitut: „Bei Normcore geht es eher um einen aktuellen Modetrend, im Sinne eines sehr kurzlebigen, sehr kommunikationsorientierten Antitrends. Das funktioniert gut in den Medien und innerhalb der Modebranche – eine allgemeine gesellschaftliche ‚Ist-mir-doch-egal‘-Haltung daraus abzuleiten wäre aber bizarr.“

Dass die eigentliche Philosophie von Normcore nach hinten losgeht, zeigt am besten folgendes Beispiel: Bei der Haute-Couture-Schau von Chanel im Januar trugen die Models Turnschuhe. Eine Revolution! Das gab es noch nie. Kleider, die hundertausend Euro und mehr kosten zu bequemen Tretern statt High Heels kombinieren – eigentlich ein No-Go. Doch Chanel-Designer Karl Lagerfeld hat die Regeln des Normcore zu seinen Gunsten ausgeschlachtet und, Achtung, einen Trend geschaffen. Abzulesen daran, dass Lagerfeld fürs Prèt-â-Porter-Defilée für Chanel seine Models zu etwas so profanem wie Einkaufen schickte.

Das Fazit
Was haben wir uns bemüht, den Deutschen modisch zu erziehen. Und plötzlich sollen Rentner-Einheitsbeige und der Funktionskleidungs-Look aus unseren Fußgängerzonen der letzte Schrei in der Mode sein? Einigen wir uns doch auf ein bisschen mehr textile Gelassenheit. Schließlich wollen wir in der heutigen Leistungsgesellschaft permanent zu viel, nicht nur in der Mode, wo man zwischen Pre-, Ressort-, Zweit- und Hauptkollektionen kaum noch mitkommt. Normcore wird uns sicher noch eine Weile modisch begleiten. Allerdings will die US-„Vogue“ bereits erste Tendenzen zum Anti-Normcore ausmachen. Der Trend ist tot, es lebe der Trend! Oder wie es Karl Lagerfeld einmal sagte: „Der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.“



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