Streetstyles: Fotografin Sandra Semburg im Interview

STYLEBOOK trifft Fotografin Sandra Semburg
von Susanna Riethmüller
Auf der Jagd nach historischen Mode-Momenten

Paris, zwischen den Schauen von Dries Van Noten und Rochas: Wir treffen Sandra Semburg (35) – während der Modewochen immer auf dem Sprung – zum Interview. Die Fotografin aus Berlin betreibt mit „Aloveisblind“ einen der wenigen relevanten Streetstyle-Blogs aus Deutschland. Sie kennt den Fashion Week Zirkus aus einem ganz anderen Blickwinkel.

STYLEBOOK: Sandra, du bist auf allen wichtigen Schauen von New York über Mailand bis Paris. Dabei siehst du jeden Tag hunderte von gut angezogenen Menschen. Was muss ich (an-)haben, damit ich dir in den Menge auffalle und du mich fotografierst?
Sandra Semburg: Es kommt auf die richtige Mischung an. Aus deinem Styling, deiner Ausstrahlung – und natürlich auch auf meinen persönlichen Geschmack. Ich achte zum Beispiel auf Farben und Muster und finde es spannend, wie die Trends vom Laufsteg auf der Straße getragen werden. Da habe ich dann meine Favoriten wie Stella McCartney und ihre aktuellen Nadelstreifen- und Karomuster-Looks oder die Chinatownmuster-Röcken von Céline. Auf der anderen Seite interessieren mich gute, klassische Basics und schöne Frauen mit einer gewissen Haltung, wie die Redakteurinnen von der französischen „Vogue“.

Das heißt aber, dass du ein superschnelles Auge haben musst. Oft laufen die Leute vor oder nach einer Show ja nur ganz fix an dir vorbei...

Ja, man hat nur wenige Sekunden Zeit, um einen Look abzuschätzen und die Details zu scannen: Wer ist das, was hat er an, wie trägt er es. Oft versteckt sich ein tolles Foto ja auch in Einzelheiten, zum Beispiel einem schönen Print. Oder einer besonderen Situation: Als zum Beispiel das Model Edie Campbell nach der letzten Show von Marc Jacobs für Louis Vuitton in Paris auf die Straße kam, noch immer mit dem Logo-Body-Painting vom Laufsteg – das ist ein historischer Mode-Moment, den man nicht verpassen will.

Du sagtest eben, es komme auch auf die richtige Haltung an. Was meinst du damit?
Man sieht, ob jemand sich und sein Outfit super wichtig nimmt, ob er sich stundenlang gestylt und richtig hart für seinen Look gearbeitet hat. Das finde ich nicht interessant. Dann wieder gibt es Frauen, die sind born with it, die haben dieses spezielle Stilgefühl im Blut. Sie haben es einfach drauf, sie wirken unkompliziert, obwohl sie top gestylt sind. Das sieht immer echter und toller aus – und das sieht man auch auf dem Foto.



Wer zum Beispiel? Gibt es Frauen, die für dich immer ein Treffer sind?
Die schon erwähnte Clique von der „Vogue Paris“, also Chef-Redakteurin Emmanuelle Alt und ihre Entourage. Die sehen immer gut aus, und das, obwohl sie fast nur Basics tragen. Aber es sind eben immer genau die richtigen Basics. Emmanuelle zum Beispiel trägt am liebsten Jeans von Topshop. Dazu ein weißes Herrenhemd, High Heels von Jimmy Choo , fertig. Auch die Riege vom Onlineshop „Net-a-Porter“ um die Chef-Einkäuferin Holly Rogers ist immer top.

Sieht man jemandem am Outfit an, ob Mode sein Beruf ist?
Ja. Den tollsten Stil haben oft die Stylistinnen und Redakteurinnen. Taylor Tomasi Hill zum Beispiel vom Onlineshop „Moda Operandi “: Sie trägt immer die interessantesten Kombinationen, etwa einen weit schwingenden Rock – dazu aber dann flache Brogues. Sie hat wirklich Talent, aus jedem Styling ihr ganz eigenes Ding zu machen, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Auch Veronika Heilbrunner ist toll, sie ist Senior Fashion Editor beim deutschen Onlineshop „mytheresa “. Ihre Looks haben immer etwas sportliches, sie mixt zum Beispiel Sneaker zum Couture-Kleid. 

In Paris haben die Frauen auch einen ganz speziellen Beauty-Look...
Weniger ist hier mehr, eben typisch Parisienne. Die Frauen – auch die wichtigen Redakteurinnen – kommen lässig, ohne großes Make-up und mit offenen Haaren. Wer ganz dick Schminke auflegt, fällt hier eher unangenehm auf.

Paris ist während der Fashion Week der reinste Mode-Zirkus – vor allem vor den Schauen auf der Straße geht es richtig ab. Wie hat sich die ganze Streetstyle -Maschinerie in den letzten Jahren aus deiner Perspektive entwickelt?
Man merkt, dass das mittlerweile ein Business geworden ist, dass Leute damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Vor den Schauen, speziell in Paris, wird es richtig eng: Früher rissen sich zehn Fotografen um eine gut angezogene Frau, heute sind es 50. Das zieht natürlich auch Schaulustige an, inzwischen stehen hier vor den Locations mehr Touristen als Modeleute rum. Orte, die früher Garanten für tolle Fotos waren – etwa der Jardin des Tuileries – sind völlig überlaufen, das reinste Spektakel. Darunter leiden manchmal auch die Bilder.

Weil es zu anstrengend wird?
Ja. Ich kenne einige bekannte Streetstyle-Fotografen, die sich deshalb langsam zurückziehen. Aber auch die, die fotografiert werden, sind oft genervt – selbst Profis wie die Redakteurinnen. Sie posieren zwar noch immer, das ist ja auch Werbung für sie und ihr Magazin. Ich merke aber manchmal, dass es ihnen zu viel ist. 

Denkst auch du daran, dich aus dem Streetstyle-Business zurück zu ziehen?
Nein! Ich mache das noch immer sehr gerne. Egal, wie aufreibend so eine Modewoche ist – wenn ich später das tolle Foto sehe, bin ich für alles entschädigt.  

  • Sandra Semburg

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    Foto: Simbarashe

    Sandra Semburg: Die Fotografin betreibt mit aloveisblind.com einen der wenigen relevanten deutschen Streetstyle-Blogs. STYLEBOOK traf sie während der Modewoche in Paris 

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