Der Blogger von „Advanced Style“
von Susanna Riethmüller
Wie wird man stylisch alt, Ari Seth Cohen?

Ari Seth Cohen macht Fotos von alten Damen: Auf seinem Blog „Advanced Style“ zeigt er, wie elegant, extravagant und wunderschön sie sind. Seine Muse ist die über 91-jährige Fashion-Ikone Iris Apfel, sie wurde zu seinem Aushängeschild. STYLEBOOK traf den Fotografen im Rahmen der Fashion Week in New York und fragte ihn: Stylisch alt werden – wie geht das?

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    Foto: „Advanced Style“ by Ari Seth Cohen, powerHouse Books

    Alter ist eine Frage der Einstellung – das zeigt Ari Seth Cohen auf seinem Blog „Advanced Style“. Er fotografiert toll angezogene Damen in New York City





STYLEBOOK: Ari, wie bist du auf die Idee gekommen, einen Blog nur über den Style von älteren Damen zu machen?
Ari Seth Cohen: Meine Liebe zu älteren Menschen fing mit meinen Großeltern an. Ich hatte ein tolles Verhältnis zu ihnen. Sie sahen super aus, ich habe ständig ihre Kleider angezogen und sie nachgeahmt. Und ich habe sie gezeichnet, überhaupt andauernd Skizzen von alten Leuten und ihren Outfits gemacht. Als ich dann vor vier Jahren nach New York zog, viel mir auf, wie elegant und wundervoll ältere Menschen hier angezogen und wie selbstbewusst sie sind. Das wollte ich dokumentieren.
 
Und dann bist du losgezogen – auf der Suche nach einer eleganten, alten Dame?
Ja! Eines Tages sah ich diese glamouröse Lady im Central Park mit ihrem riesigen Hut spazieren gehen und dachte: Wow, sie sieht genauso aus wie eine der Frauen aus meinen alten Zeichnungen. Das war die Initialzündung. Noch heute sehe ich meine Models einfach auf der Straße, oder vielleicht auf einer Parkbank sitzen. Dann spreche ich sie an und erkläre ihnen, was mein Blog ist – gar nicht so einfach, weil viele von ihnen kein Internet haben und gar nicht wissen, was das ist: ein Blog.
 
Wie erklärst du ihnen das?
Ich zeige ihnen mein Buch („Advanced Style“, powerHouse Books) mit den vielen Bildern und erkläre ihnen, dass ihr Foto auf meinen Blog in der ganzen Welt zu sehen wäre. Einige von ihnen sind misstrauisch, ich gebe ihnen meinen Karte und sie lassen sich dann zuhause am Computer von ihren Enkeln zeigen, was ich meine – und rufen mich dann zurück und wir verabreden uns. Einige sind sofort dabei, ich mache mein Foto und ziehe weiter, das dauert manchmal nur fünf Minuten.
 
Ist es schwierig, mit den Ladys in Kontakt zu bleiben? Oder haben sie eMail, ein Handy?
Manche ja, viele natürlich nicht. Ich bin sehr geduldig mit ihnen – übrigens neben Respekt das Wichtigste im Umgang mit älteren Menschen. Viele sind aber sogar bei Facebook! Iris Apfel zum Beispiel hat ein Handy, man kann sie gut erreichen.

 Was unterscheidet deine modemutigen Damen – abgesehen vom Alter – von den jungen Fashionistas, die die übrigen Streetstyle-Blogs füllen?
Man merkt, dass sich die Mädchen aufstylen, um Blicke auf sich zu ziehen – um anderen zu gefallen. Anders bei einer Dame wie Iris Apfel. Sie zieht sich nicht für andere an, das wäre ihr zu anstrengend. Sie macht das nur für sich selbst, genau  wie die meisten Frauen in ihrem Alter. Sie fühlen sich gut, sind aktiv, haben noch die Kraft, sich gut anzuziehen.
 
Was hast du in Sachen Mode sonst noch gelernt von Iris und den anderen?
Dass es immer um Selbstbewusstsein geht. Wenn du dich gut fühlst, dann siehst du auch gut aus. 
 
Du fotografierst hauptsächlich Frauen, selten Männer. Warum?
Es ist interessanter. Es gibt viele toll angezogene Herren, keine Frage. Aber für Frauen ist es immer noch härter, alt zu werden, als für Männer. Sie werden regelrecht stigmatisiert. Wenn eine Frau Falten und graue Haare bekommt, heißt es sofort: Sie wird alt, sie sieht verbraucht aus. Männer werden höchsten reifer, interessanter. Viele der Frauen erzählen mir, dass sie im Alter anfangen, sich unsichtbar zu fühlen: Niemand guckt sie mehr an, niemand nimmt sie wahr. Ich finde das ungerecht, aber umso spannender, wie sie damit umgehen. 
 
Was ist das schönste Kompliment, das man einer 80-Jährigen machen kann?
Jedenfalls nicht, dass sie jünger aussieht, als sie ist. Ich habe eine Freundin, sie ist über 80, und es ist überhaupt nicht ihr Ziel, jünger zu wirken – sie will einfach gut aussehen. Aber natürlich erzählen mir auch viele Frauen, die ich treffe, wie schwer es ist, alt zu werden. Das größte Kompliment, das ich ihnen dann machen kann, ist, sie zu fotografieren. Sie sehen das Foto und realisieren, wie attraktiv sie noch sind. Danach fühlen sie sich besser.
 
Und was sollte man einer 80-Jährigen auf keinen Fall sagen?
Dass sie für ihr Alter gut aussieht. Was soll das schon heißen? Gut für ihr Alter – aber unattraktiv im Vergleich zu einer Jüngeren? Wie unverschämt! Man sieht nicht gut für sein Alter aus. Man sieht eben einfach nur gut aus.

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