Nach Skandal: Protest und Konsumrausch
13. Primark Filiale eröffnet in Deutschland

Erst vor einer Woche stand das irische Billigmodengeschäft Primark weltweit wegen eingenähter „Ehtik-etten“ in der Kritik. Jetzt eröffnete die 13. Filiale in Deutschland am Berliner Alexanderplatz. Während draußen protestiert wurde, wurde drinnen geshoppt. STYLEBOOK-Reporterin Lara Körber war dabei.

  • Primark eröffnet 13.Deutschland Filiale in Berlin

    Foto: Getty Images, Lara Körber

    Am Donnerstag eröffnete die 13. Deutschland Filiale von Primark in Berlin, die 276. weltweit. Während draußen einige protestierten, wurde drinnen dem Konsum-Rausch gefrönt – auch nach dem Skandal um den Textil-Discounter

Menschenmassen, Gedrängel, 5000m² Verkaufsfläche, über 40 Kassen, 76 Umkleiden. Am Donnerstag öffnete die 13. „Primark“-Filiale am Berliner Alexanderplatz ihre Pforten. Der Run auf die günstigsten Schnäppchen ist eröffnet. Was für die einen jedoch himmlisch ist, ist für andere höllische Arbeit.

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Erst vor einer Woche stand das irische Billigmodengeschäft weltweit wegen eingenähter „Ehtik-etten“ statt Etiketten negativ am Pranger. Trotzdem: während draußen protestiert wird, wird drinnen geshoppt. Negative Berichterstattung wird ausgeblendet. Der Kaufrausch zählt:

5 Paar Socken: 2,95 Euro. Basic-Shirt: 3 Euro. Jeans: 6,90 Euro. Kein Teil ist teurer als 38 Euro. Janina (17) kauft 15 Teile und bezahlt 63 Euro. Annika (22) 12 Teile für 40 Euro. Schlechtes Gewissen? „Nein, gar nicht. Denn die Sachen sind schick und liegen im Trend.“

Sollten sie aber haben, denn Primark lässt seine NäherInnen im Stich…

„Der gezahlte Lohn reicht definitiv nicht als Lebensgrundlage aus –nicht um die Familie ausreichend zu ernähren oder die Grundversorgung wie Schulbildung, Transport, Krankenversicherung oder Altersvorsorge abzusichern,“ so Bernd Hinzmann von der „Kampagne für Saubere Kleidung“.

Primark zahlt zwar in Ländern, wie Bangladesch, den gesetzlichen Mindestlohn von 50 Euro an die zuliefernden Produktionsbetriebe – zieht sich danach aber aus der Verantwortung. Ob der Zulieferer den Betrag an dessen ArbeiterInnen weitergibt, bleibt unkontrolliert. Ein Widerspruch im Primark-Handeln: Trotz Mindestlohn werden hohe Stückzahlen zu niedrigen Stückpreisen gefordert. Die knappen Preiskalkulationen tragen die Textillieferanten auf dem Rücken der Arbeiter in Form von Überstunden aus.

„Zu den Grundkalkulationen der Zuliefererbetriebe gehört hierbei, dass sie nicht von einem Mindestlohn ausgehen, sondern einen niedrigen Basislohn ansetzen. Nur durch Überstunden und Stücklohn kommen die ArbeiterInnen so auf ein höheres Einkommen, erklärt Hinzmann.

Die Folge: Knapp vier Millionen Menschen in der Textilindustrie Bangladeshs sehen sich mit schlechten Arbeitsbedingungen, niedrigen Löhnen, Sicherheitsmängeln, Sechs-Tage-Wochen und massiven Überstunden (12-14 Stunden sind die Regel) konfrontiert.

Doch trotz Kritik zieht Primark Millionen Menschen weltweit an. Die Gleichung „Wenig Geld, viel Kleidung“ geht auf. Bloggerin Ilka („Bilderzimmer“) versteht den Hype: „Ich denke Primark ist für Kundinnen - gerade die jungen Mädels - so interessant, weil sie Klamotten anbieten, die absolut dem Trend entsprechen und sie sich von ihrem Taschengeld auch mal mehr als eine Sache leisten können. Und wer kann mit Sicherheit denn behaupten, dass nicht auch „Zara“, „Hallhuber“ und „H&M“ & Co. günstiger produzieren und es unterm Strich nur teurer verkaufen?!“

Fakt ist:

► In einer Woche verkauft Primark so viele Socken, dass man die Wegstrecke von Berlin nach Hamburg auslegen könnte (gut 290km!)

► In einem Jahr verkauft Primark so viele T-Shirts, dass man die gesamte USA und Deutschland einmal mit Shirts ausstatten könnte.

Tatsächlich darf man bei der ganzen Primark-Kritik aber nicht vergessen, dass die Produktionsbedingungen anderer Modehersteller um keine Naht ethischer sind. „Mango“ ließ wie „Primark“ und „KiK“ in der 2013 zusammengestürzten Fabrik Rana Plaza in Dhaka produzieren. 1138 Menschen starben. Verkauft wird die Kleidung für das Doppelte – von Billigimage keine Spur.

Fairness is never out of fashion

Ein beflecktes Image will Primark jedenfalls nicht. Auf seiner Homepage präsentiert sich das Unternehmen ethisch selbstbewusst.  Im Rahmen der „Ethical Trading Initiative“ fördern sie weltweite Projekte und ihr Image. Eine Art Greenwashing? Fairerweise muss man sagen, die Auswirkungen sind durchaus positiv – doch nicht ausreichend:

„Das ist nur punktuelle Hilfe, denn das Zentralgeschäft von Primark wurde nicht geändert: die schnelle, in kurzer Zeit mit einem schmal kalkuliertem Budjet für Kosten und Verkauf hergestellte Mode hat so massive negative Auswirkungen, dass die paar Primark-Projekte ad absurdum geführt werden“, so Hinzmann.

Helfen könnten da nur mehr Druck auf Politiker und politische Initiativen, wenn es um die Haftungspflicht der Unternehmen geht, sowie vernünftigere Verbraucherinformationen in Form von einem Textilsiegel. Das wahre Problem hinter der Diskussion um Primark ist aber ein anderes: unser eigenes Konsumverhalten und die Frage, ob ein T-Shirt tatsächlich ein tägliches Kosumgut sein muss, das weniger kostet als ein Kaffee.






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