STYLEBOOK trifft Designerlegende Paul Smith
von Sonia Lyson
„Ihr Deutschen seid extrem cool“

Paul Smith (67) ist seit mehr als 35 Jahren als Designer erfolgreich im Geschäft. Nun widmet ihm das Designmuseum in London eine große Retrospektive. STYLEBOOK-Mitarbeiterin Sonia Lyson traf den „Gentleman der britischen Mode“ zum Gespräch.

  • Designer Paul Smith

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    Foto: getty images

    Paul Smith (67) zählt seit nunmehr 35 Jahren zu den erfolgreichsten Designern weltweit. Er wurde am 5. Juli 1946 als Sohn eines Schneiders in Nottingham geboren. Im Jahr 2000 wurde Smith von Prince Charles für seine Verdienste um die britische Modewirtschaft zum Ritter geschlagen, darf sich seitdem „Sir Paul“ nennen. Romantisch: Am selben Tag heiratete er auch seine Lebensgefährtin Pauline, mit der Paul Smith seit 1969 zusammen ist

STYLEBOOK: Sir Paul, Sie haben Ihren ersten Laden 1979 im Londoner Stadtteil Covent Garden eröffnet. Wie hat sich die Mode-Branche seit damals verändert?
Paul Smith: Erst einmal hat sich Covent Garden wahnsinnig verändert. Als ich dort meinen ersten Laden eröffnet habe, gab es in der Straße nur zwei Pubs, eine Tanzschule und einen Obst- und Gemüsehändler. In meinem Laden habe ich nicht nur Mode, sondern alles mögliche, beispielsweise Elektrogeräte verkauft. Das war einzigartig. Heute ist alles anders: wahnsinnig busy und leider sehr kommerziell. Das Traurigste ist, dass es heutzutage fast unmöglich geworden ist, etwas Einzigartiges zu finden. Das konstante Streben nach mehr, vor allem nach mehr Geld, zerstört die Einzigartigkeit.

Wie wichtig ist es, als Designer Up-To-Date zu sein?
Alles ist so schnelllebig heutzutage. Egal in welcher Branche man ist, man muss wissen, was um einen herum passiert. Man muss sich bewusst sein, dass andere Leute ähnliche Dinge tun und man muss immer wissen, dass man es nie „wirklich geschafft“ hat. Man muss sich konstant umschauen und weiterentwickeln. Sobald du dich kurz ausruhst, kommt jemand anderer um die Ecke und ist besser als du. Es interessiert niemanden, wie gut du mal warst. Das einzige, was zählt, ist die Gegenwart. Du musst immer dein Bestes geben, um gut zu bleiben.

Gehören dazu auch Facebook, Twitter & Co.?
Unbedingt! Nur leider beobachte ich oft, dass Leute das richtige Maß nicht kennen. Es macht mich traurig, wenn ein Paar im Restaurant sitzt und nur am Handy klebt. Man muss wissen, wann man nicht am Handy hängen sollte. Ich schalte mein Handy immer aus, wenn ich mit meiner Frau essen gehe. Nichts ist dann in diesem Moment wichtiger.

Sicher auch ein Grund, dass sie seit ihrem 21. Lebensjahr mit derselben Frau zusammen sind. Würden Sie über sich selbst sagen, dass Sie ein treuer Mensch sind?
Ja, ich liebe meine Frau immer noch sehr! Sie ist gerade heute weggefahren und ich vermisse sie jetzt schon! Mein chinesisches Sternzeichen ist der Hund. Hunde sind des Menschen bester Freund und sehr treu. Ich würde sagen, ich bin ein sehr treuer Mensch.

Wie würden Ihre Freunde Sie beschreiben?
Verrückt! Mein Enkel sagte letztens zu mir: Paul du bist verrückt! Ich habe dann geantwortet: Danke für das Kompliment. Er sagte dann: Nein, das war kein Kompliment. Du bist wirklich verrückt! Also ich würde sagen: exzentrisch, lebendig, ein bisschen verrückt. Aber gleichzeitig bin ich auch ein wahrer Gentleman und sehr zuverlässig. Ich bin auf jeden Fall noch durch die gute alte Schule gegangen.

Ich habe gelesen, dass Sie sehr unordentlich sein sollen. Besonders Ihr Büro soll einem Schlachtfeld ähneln. Stimmt das?
Wenn Sie mich hier sehen könnten, würden Sie wahrscheinlich vom Stuhl fallen. Ich hatte grade Tom Hingston hier, einen sehr berühmten Grafikdesigner. Er meinte, hier gibt es so viel zu bestaunen, er wisse nicht wohin er zuerst hinschauen soll. Es ist in der Tat sehr unordentlich, aber voller Liebe und Erinnerungen.

  • Paul Smiths Büro

    Foto: PR

    Der Beweis: In Paul Smiths Büro herrscht kreatives Chaos. Er beschreibt sein Office als „sehr kreativen Ort, der mich jeden Tag aufs neue Inspiriert.“

Noch mehr schlechte Angewohnheiten?
Ich erzähle immer schlechte Witze. Meine Angestellten lachen aber immer noch. Sie sind sehr gut erzogen.

Und Ihre besten Eigenschaften?
Ich bin sehr neugierig. Ich würde mich auch als kindlich beschreiben. Kinder haben keine Vorurteile, sind sehr offen. So bin ich auch. Das ist gut für meine Kreativität. Ich hinterfrage viele Dinge und bilde mir immer meine eigene Meinung.

Sie sollen Giorgio Armani bewundern. Wer inspiriert Sie noch?
Ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben, aber es stimmt. Ich finde seine Designs sehr gut. Er und ich haben in den 70er Jahren das Bild des klassischen Anzugs total verändert. Wir haben angefangen, den Anzug softer zu machen. Davor war der Anzug nur für Beerdigungen, Hochzeiten oder Bewerbungsgespräche gedacht. Comme des Garçons, Jonathan Saunders, Christopher Kane, Isabel Marant – all das sind Designer, die ich für sehr talentiert halte. Ich bewundere sie, aber ich nutze sie nicht als Inspiration. Am meisten inspiriert mich mein Büro.

Ich habe gelesen, dass Sie jeden morgen Musik hören...
... Ja, heute war es Jazz. Das ist ungewöhnlich. Gestern Talking Heads. Jeden Morgen etwas anderes. Es kommt sehr darauf an, wie ich mich fühle. Jake Bugg mag ich auch sehr gerne.

Ich habe mir Ihren Blog „Paul Smith's World“ angeschaut. Wie sieht denn die reale Welt des Paul Smith aus?
Sie müssen sich unbedingt meinen Instagram-Account angucken! Der ist ganz toll! Ich werde die Frage auf Umwegen beantworten. Ich habe bald eine Ausstellung und dort gibt es einen ganz bestimmten Raum. Er heißt „Inside Paul's Head“ und er wird scherzhaft schon der Paracetamol-Raum genannt! Meine Welt dreht sich sehr schnell, ich mache immer sechs bis acht Sachen gleichzeitig. Ich bin sehr multitaskingfähig und habe viele verschiedene Leidenschaften habe. Ich fotografiere, ich designe Fahrräder, ich mache Kleider und kümmere mich auch um die Inneneinrichtung meiner Läden.

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Verschnaufen Sie auch mal?
Freizeit kenne ich nicht. Ich arbeite sehr lange. Ich stehe um 5 Uhr morgens auf, dann schwimme ich gegen 5.15 Uhr, egal wo ich auf der Welt bin. Gegen 6 Uhr beginne ich, zu arbeiten. Mein Arbeitstag dauert ca. bis um 18 Uhr. Den Tag beende ich mit einem Abendessen. Entweder zu Hause oder meine Frau und ich gehen gemeinsam auswärts essen. Am liebsten esse ich dann in kleiner Runde. Dann kann man sich angeregt unterhalten. Sonst gehe ich gerne in Ausstellungen oder schaue Filme. Ich mache sehr normale Sachen.

Gehört dazu auch Radfahren? Immerhin waren Sie in Ihrer Jugend Profi-Radrennfahrer.
Ich bin heute in meinem Büro mit dem Rad rumgefahren. Ich habe ein Haus in Italien, wo meine Frau Pauline und ich den Sommer verbringen. Dort fahre ich jeden Tag Fahrrad. Im Winter leider weniger.

  • Foto: PR

    Der britische Designer liebt es, Farbe als Akzent einzusetzen

Was ist Ihr ganz persönlicher Luxus?
Ein Tag frei wäre super! Das wird wohl erst an Weihnachten wieder passieren. Mein Luxus ist die Liebe zum Leben. Ich liebe das Leben, deswegen bin ich kein besonders materialistischer Mensch. Aber ich mag Sachen, denen man ansieht, dass sich jemand große Mühe gegeben hat, um sie herzustellen. Handgemachte Objekte oder ein handgeschriebener Brief, das sind Dinge, die ich sehr wertschätze.

Ich würde gerne mit Ihnen über Ihre Ausstellung reden, die am 15. November im London Design Museum eröffnet wird. Was wollen Sie den Besuchern mitteilen?
‚You can do it!‘ – was auch immer es ist. Ich will Leute inspirieren. Ich will, dass die Besucher die Ausstellung mit Gänsehaut verlassen. Es ist keine Retrospektive. Es werden zwar viele verschieden Schritte meiner Karriere gezeigt, aber nichts ist chronologisch geordnet. Wenn man reinkommt, dann muss man durch einen ganz kleinen Raum gehen. Ich will, dass die Leute verstehen, dass ich sehr klein angefangen habe. Dieser kleine Raum stellt nämlich die Größe meines ersten Ladens nach. Am Ende der Ausstellung steht ein Satz an der Wand: „Every day is a new beginning“. Die Idee ist, dass die Besucher sehen, wie ich es geschafft habe, aus etwas Kleinem etwas Großes zu machen. Davon sollen sie Kraft und Mut schöpfen und sich inspiriert fühlen, ihrer Karriere nachzugehen und an sich selbst zu glauben.

Welchen Karriere-Tipp haben Sie für angehende Designer?
Für mich war es am besten, so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln. Alle verschiedenen Aspekte meiner Industrie sind wichtig. Ich habe Stoffe verkauft, Stoffe kreiert, habe Fotostrecken gestylt und Produktionen organisiert. Das hat mir eine sehr gute Grundlage für meine Karriere gegeben. Andere Menschen sind da sicherlich anders. Manche haben eine andere Sichtweise. Ohne unhöflich klingen zu wollen, manche haben eine etwas elitäre Sichtweise der Dinge und möchten eben nur bestimme Sachen machen. Es kommt häufig vor, dass jemand, weil er Designer werden möchte, keine ‚niederen’ Aufgaben erledigen will. Das ist nicht gut.

In Berlin gibt es viele talentierte Jungdesigner ähnlich wie in London. Waren Sie schon einmal in Berlin?
Ja, ich liebe Berlin! Sehr jung, „down to earth“ und wahnsinnig kreativ. Berlin hat einen wunderbaren Vibe – irgendwie sehr Rock'n'Roll. Ich habe früher mit Led Zeppelin und den Rolling Stones zusammen gearbeitet. Heute arbeite ich noch immer mit vielen Musikern, unter anderem Franz Ferdinand. Ich liebe die Musikindustrie und Berlin versprüht genau diese Coolness. Ich habe auch viele deutsche Freunde. Ihr Deutschen seid sehr cool, finde ich.

Danke für das Kompliment. Jetzt haben wir kaum über Mode gesprochen. Dann wenigstens zum Schluss: Was ist denn das absolute Must-Have dieser Saison?
Oh Gott, keine Ahnung! Ich bin da der falsche Ansprechpartner! Nein, mal im Ernst: Die Leute wollen viel Farbe! Farbe bringt Freude. Ich meine natürlich nicht ganz bunte Outfits, aber ich mag Farbe als Akzent. Als Ausrufezeichen sozusagen. Ein schlichter Anzug mit einem knalligen Hemd. Oder ein allgemein eher dunkler gehaltenes Outfit mit einem bunten Schal, das finde ich toll!


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