Er macht Frauenklamotten, die Männer lieben
von Thomas Helbing
Darum ist J.W. Anderson der coolste Designer der Welt

J.W. Anderson (31) – noch nie gehört? Sollten Sie aber! Der Nord-Ire hat gerade die zwei wichtigsten Preise bei den British Fashion Awards abgeräumt. Und gilt nicht erst seitdem als einer der gefragtesten Modemacher der Welt. Alles über den „Provokateur der Mode“.

Das hat vor ihm noch keiner geschafft: Der Designer J.W. Anderson gewann am Montag bei den British Fashion Awards sowohl den Preis als bester Designer für Frauen- wie auch Männermode. Für Kenner ist das eigentlich keine Überraschung. Schließlich ist das Vermischen der Geschlechter für Jonathan William Anderson, so sein voller Name, schon lange Masche seiner Kollektionen – noch bevor Transgender in der Mode cool wurden. Doch es gibt noch weitere Gründe, warum der Nord-Ire derzeit die Modewelt im Sturm erobert:

  • J.W. Anderson

    Foto: getty images

    Babyface und strahlend blaue Augen: J.W. Anderson konnte sich am Montagabend doppelt freuen und wurde als bester Männer- UND Frauen-Designer bei den „British Fashion Awards“ ausgezeichnet. Dabei wollte Anderson eigentlich nach der Schule Schauspieler werden, besuchte das „Actor's Studio“ in Washington DC bevor er seinen Abschluss in Menswear am „College of Fashion“ in London machte

1. Er grenzt sich ab

Trends? Existieren für J.W. Anderson nicht! Wenn alle anderen Designer gerade die 70er-Jahre revivaln lassen, bedient sich Anderson an den Kleidercodes der 80er-Jahre – so geschehen bei seiner aktuellen Winterkollektion.

  • J.W. Anderson

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    Die 80er-Jahre mit Lurexblusen, breiten Gürtelschnallen und Popfarben lassen in der aktuellen Winterkollektion von J.W. Anderson grüßen

Doch nicht nur dieses „Ich mach mein eigenes Ding“ ist sein kreativer Treibstoff, sondern das Internetzeitalter und seine dadurch entstehende Vielfalt. Die lässt, seiner Meinung nach, DEN einen Trend verschwimmen und schafft den Mainstream-Geschmack ab. Individualismus sei heute wichtiger denn je, so Anderson. Deshalb oder gerade deswegen finden seine avantgardistischen Entwürfe, z. B. Radlerhosen aus Spitze zu zerknitterten Kleidern wie in der Sommerkollektion 2016, seine Kunden. Wer jetzt glaubt, das kauft und trägt doch keiner – die Marke J.W. Anderson ist profitabel und wächst.

  • J.W. Anderson

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    Für viele ist der Look aus der Kollektion für den kommenden Sommer gewöhnungsbedürftig. Wir sind uns sicher: Die Radlerhosen aus Spitze werden wir in der nächsten Saison an jeder zweiten Fashionista erspähen

2. Er lässt die Geschlechter verschwimmen

Das Modelabel Gucci ließ im Januar Männer in hauchzarten, femininen Schluppenblusen über den Laufsteg schreiten und wurde dafür wie ein Heilsbringer für die aktuelle Mode gefeiert. Bei Burberry trugen die Männermodels Hemden aus Spitze. J.W. Anderson hatte den jetzt gehypten Unisex-Look bereits viele Saisons zuvor bei der London Fashion Week gezeigt und dabei nicht zum ersten Mal mit den Geschlechtern gespielt.

  • J.W. Anderson

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    Schluppen wie Krawatten gebunden – das zeigte J.W. Anderson in der Sommerkollektion 2014

Roséfarbene Wollkleider und kurze Hosen mit Volants für Männer, weite Bundfaltenhosen und derbe Lederjacke für Frauen: „Shared Wardrobe“ nennt Anderson die Idee, die er seit seiner ersten Männerkollektion 2008 verfolgt (seit 2010 entwirft Anderson eine Frauenkollektion).

  • J.W. Anderson

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    Entwurf aus der Männerkollektion für Winter 2013/14. Eine Grenze zwischen Damen- und Herrenmode gibt es bei J.W. Anderson nicht

Männer kaufen in der Damenabteilung, Frauen bedienen sich in der Herrenecke – „Für mich war es schon immer dasselbe“, erklärt Anderson seine Grundhaltung zur Bekleidung in der „Süddeutschen Zeitung“, „manchmal sitzt eine Klamotte aus der Frauenabteilung wegen der Passform eben besser.“ Oder eben anders herum.

  • Miroslava Duma

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    Das Cape-Kleid von Miroslava Duma (30) stammt eigentlich aus der letzten Winterkollektion von J.W. Anderson für Männer – fand aber bei den Damen reißenden Absatz

3. Er zieht die coolsten Frauen an

J.W. Anderson hat seine Fanbase. Klar sind das oft Frauen aus der Mode- und Kreativbranche wie Miroslava Duma, Erin O'Connor, Chloë Sevigny, die sich seine Entwürfe zu tragen trauen. Aber: Das Erfolgsrezept von Anderson sind nicht nur von Moderedakteurinnen vergötterte Einzelstücke, sondern schlichte Basics in Topqualität, die jedem gefallen und stehen.

  • Erin O'Connor

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    Ex-Topmodel Erin O'Connor (37) in einem pinkfarbenen Ledermantel von J.W. Anderson

4. Er versteht die Branche

Schon früh hat J.W. Anderson verstanden, wie man eine Modemarke profitabel macht. Erstens: Auf Accessoires als Verkaufsschlager setzen. In jeder Anderson-Kollektion, egal ob für Frauen oder Männer, finden sich Schuhe, Taschen, Brillen, Schmuck und spezielle Showpieces, die sofort den Haben-Wollen-Reflex auslösen und dabei natürlich oft erschwinglicher sind, als eine Jacke oder ein Kleid.

  • J.W. Anderson

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    Cooles Accessoires aus der aktuellen Winterkollektion von J.W. Anderson. Ob Kette oder Schal – die Interpretation bleibt jedem selbst überlassen

Zweitens: Auf Basics setzen. Wie bereits erwähnt entwirft J.W. Anderson nicht nur avangardistische Kleider, sondern stets schlichte Basics mit der typischen Handschrift. Viel zu viele Avantgarde- und Jung-Designer verzichten darauf – und scheitern schließlich oft deswegen.

  • Dree Hemingway

    Foto: Brauer Photos

    Model Dree Hemingway in einem camelfarbenen, klassischen Mantel von, nein nicht Cos oder Zara, sondern J.W. Anderson

Drittens: Kooperationen eingehen. J.W. Anderson war sich von Anfang an nicht zu Schade, seinen Namen für andere Marken zu borgen und so zusätzlich Geld zu verdienen und seinen Namen bekannt zu machen. Bereits 2009, also ein Jahr nach Labelgründung, designte er für die Unterwäschemarke Sunspel, 2012 verkaufte er eine Caspule-Kollektion bei der Textilkette Topshop, in diesem Jahr kooperierte er mit Coca Cola.

  • J.W. Anderson

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    J.W. Anderson bei der Präsentation seiner für von ihm designten Flasche für „Coca Cola light“

5. Er hat Loewe wieder cool gemacht

Seit 2013 ist J.W. Anderson Kreativdirektor für das Label Loewe. Ähnlich wie seinerzeit Phoebe Philo bei Céline hat Anderson das spanische Traditionshaus, berühmt für seine Lederwaren, aus dem Dornröschenschlaf geweckt und wieder cool gemacht. Vor allem die Taschenverkäufe, das Kerngeschäft der Marke, sind seit Anderson explodiert. Auch dort mixt er in den Damen- und Herrenkollektionen – wenn auch in abgemilderter Form – die Geschlechtercodes, Formen und Materialien, wie nur J.W. Anderson es gelingt.

  • Loewe

    Foto: getty images

    Look aus der aktuellen Winterkollektion von Loewe

Als Nachfolger von Raf Simons für den Chefdesigner-Posten bei Dior wäre er einer der aussichtsreichsten Kandidaten. Nicht nur weil sich Simons und Anderson in ihrer Design-Philosophie recht ähnlich sind und beide mit Männermode ihre Karriere starteten, sondern weil der Luxuskonzern LVMH, zu dem Loewe und Dior gehören, auch Anteile am Label J.W. Anderson besitzt und J.W. Anderson, wie bereits erwähnt, Accessoires kann, die zu großen Teilen den Erfolg bei Dior ausmachen.

  • Loewe

    Foto: getty images

    Nicht nur bei Loewe hat J.W. Anderson bewiesen, dass er Accessoires kann, die sich immer bestens verkaufen und größter Umsatzbringer einer Luxusmarke sind. Wie diese Tasche mit Mitzen-Print und...

  • Loewe

    Foto: getty images

    ... coole Sonnenbrillen oder Schmuck aus der aktuellen Winterkollektion von Loewe

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