Die neue Fashion-Formel
Maschine sagt Modetrends exakt voraus

Werden Laufsteg-Trends von der Straße beeinflusst oder umgekehrt? Antworten darauf liefert jetzt ein Forscherteam aus Taipeh, das einen Mode-Algorithmus entwickelt hat und somit Trends vergleichen, analysieren und voraussagen kann.

Unser Leben wird immer mehr von hochkomplexen Maschinen und Algorithmen bestimmt. Warum also nicht eine Maschine mit Daten füttern, die uns am Ende die neuesten Modetrends ausspuckt und vorgibt, was wir morgen anziehen sollen? Forschern der Universität Taipeh ist das jetzt gelungen. Sie haben ein System für maschinelles Sehen entwickelt, mit dem sich u. a. analysieren lässt, wie Laufsteg-Trends unseren Kleiderschrank beeinflussen.

Mode-Mathematik

Die Frage, welche sich der Wissenschaftler Kuan Ting Chen und seine Kollegen stellten: Wie beeinflussen die Trends vom Laufsteg in der nächsten Saison die Mode auf der Straße? Um das zu erklären, geht's leider nicht ohne Mathematik.

  • Modetrends im Vergleich

    Foto: National Taiwan University

    Die Forscher aus Taipeh konnten mit ihrer Mode-Analyse tatsächlich Gemeinsamkeiten bei den Laufsteg-Trends und späteren Streetstyle-Look erkennen

Für ihren Trend-Algorithmus wurde ein Computer darauf trainiert, die Körperhaltung sowie die einzelnen Körperregionen – also Arme, Beine, Oberkörper usw. – zu erkennen, außerdem Haut, Haare, Farben und Texturen. Im nächsten Schritt wurden zwei Foto-Datenbanken erstellt. Die erste enthält 8000 Laufsteg-Looks bei der New York Fashion Week aus der Frühjahr/Sommer-Saison 2014 und 2015. In der zweiten Datenbank befinden sich etwa 1000 Streetstyle-Fotos des gleichen Zeitraums. Für die Analyse wurden die Foto-Datenbanken mit den zuvor „antrainierten“ Körpereigenschaften gegenübergestellt. Dieser Vergleich ist nötig, um zuverlässig zu analysieren, ob Modenschauen den Stil auf der Straße tatsächlich beeinflussen. 

2014: Trend zu langen Ärmeln

Die Analyse ergab beispielsweise, dass klassische Farben wie Weiß, Grau und Schwarz als Laufsteg-Trend immer wieder kehren. Außerdem waren in der Saison 2015 Knopfleisten, Tank-Tops und Streifen auf den Laufstegen verbreitet, bei den Farben Blau, Cyan und Rot extrem beliebt bei den Designern.

Verblüffend, dass sich tatsächlich Gemeinsamkeiten von den Laufsteg-Trends später auf der Straße widerspiegeln. „Wir können sagen, dass viele Leute dazu neigen, den Stil von den Modenschauen nachzuahmen“, schreiben Chen und Kollegen in ihrem Aufsatz. Aber auch Unterschiede lassen sich finden. So ließ sich bei der Straßenmode 2014 ein Trend zu längeren Ärmeln und Beinkleidern feststellen – im Gegensatz zur Laufsteg-Mode. Die Forscher führen diese Abweichung auf einen kühlen Sommer zurück.

  • Issa

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    Foto: getty images

    Gerade gut zu sehen bei der Fashion-Week in London: Weiß, wie hier beim Label Issa, und...

Zahlenspielerei?

„Klar scheint, dass Modetrends von Modenschauen tatsächlich eine Referenz für die Kunden sind und erheblichen Einfluss auf ihren Alltag ausüben“, fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen. Gefühlt wussten wir das schon immer. Aber: Erstmals lässt sich diese Annahme nun auch in Zahlen ausdrücken.

Noch ist die Studie der Taipeh-Forscher nur eine erste Grundlage. Würde man die Computer-Datenbanken mit noch mehr Foto-Daten füttern, könnten diese Ergebnisse für Modemarken, Designer und Trendforscher extrem wichtig werden. Schließlich ließe sich so künftig fundiert voraussagen, welche Modetrends beim Konsumenten wirklich gefragt sind und was sich demzufolge gut verkaufen wird und was nicht. Das Kaufverhalten des Kunden ließe sich damit gezielt steuern. Schließlich will ja niemand Ladenhüter entwerfen und produzieren. Nur die kreative Vielfalt könnte mit aller Statistik flöten gehen.

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