Botox als Heilmittel: Was es alles kann - außer Falten bekämpfen

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Botox gegen Migräne, Akne, Depressionen…
von Julia Wagner
Der Falten-Killer als Allzweckwaffe?

Stars lassen sich mit Botox noch immer am liebsten ihre Falten „ausradieren“. Dabei kann das Nervengift weitaus mehr. Immer öfter wird es als Therapie gegen Migräne, Akne, Depressionen oder starkes Schwitzen eingesetzt. Und sogar Gesicht und Beine lassen sich mit Botox in Form bringen. STYLEBOOK hat bei einem Experten nachgefragt.

Das Nervengift Botulinumtoxin A, kurz „Botox“ genannt, ist bei uns als „Falten-Killer“ bekannt. Es lähmt die Muskulatur und verhindert so, dass sich Falten tiefer eingraben. Demnächst könnte als allerdings auch als „Allheilmittel“ bekannt werden. Schließlich wird es zu immer mehr Therapiezwecken eingesetzt – und längst nicht nur vom Beauty-Doc für ästhetische Behandlungen. So wird das Nervengift bereits seit den 1980er-Jahren erfolgreich gegen Schielen angewandt und kommt heute oft zum Einsatz, wenn Muskeln krankheitsbedingt überspannt sind, etwa bei Stimmbandproblemen.

Dr. Keywan Taghetchian ist medizinischer Leiter von Smoothline in München und Zürich, einer Spezial-Klinik für Botoxbehandlungen. STYLEBOOK erklärte er die interessantesten, neuen Behandlungsmöglichkeiten:

Schwitzen
Botox hilft gegen übermäßiges Schwitzen, der sogenannten Hyperhidrose. Dabei wird in die oberste Hautschicht gespritzt, wo die Schweißdrüsen sitzen, und so die Bildung des Schweißsekrets gehemmt. Egal ob Handflächen, Achseln oder Fußsohlen – Botox kann überall dort eingesetzt werden, wo übermäßig geschwitzt wird. Nachteil: Der Effekt hält „nur“ bis zu sechs Monate. „Doch die Erfolgschancen der Botox-Therapie liegen höher als die von operativen Eingriffen, wo Schweißdrüsen etwa abgesaugt werden“, so Dr. Taghetchian. Ein hübscher Nebeneffekt bei der Behandlung von Schweißfüßen: Sie werden weniger schmerzempfindlich. In den USA lassen sich viele Frauen bereits Botox spritzen, um ihre geliebten High Heels schmerzfrei tragen zu können.

Migräne
Klinische Studien belegen, dass Botox einen positiven Effekt auf die Migräne hat. Noch kann diese Wirkung nicht genau erklärt werden. Fest steht aber, dass ein Großteil der Migräne-Patienten, die eine Botox-Behandlung bekommen, auch über eine deutliche Besserung der Beschwerden berichten. „Bei ästhetischen Behandlungen wird direkt in die Stirn gespritzt, die Verbesserung der Symptome ist also eine Nebenwirkung. Neurologen spritzen bei Migräne hingegen in den Nacken und die Schultern“, erklärt Dr. Taghetchian. Seit 2013 wird diese Behandlung sogar von einigen Krankenkassen übernommen. Alle vier bis sechs Monate muss Botox nachgespritzt werden.

  • Botox als Heilmittel

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    Wundermittel Botox? Immer öfter wird das Nervengift nicht nur für ästhetische, sondern auch medizinische Eingriffe verwendet






Akne
„Wir haben gerade als eine der ersten Kliniken in Europa eine Studie dazu abgeschlossen. Das Ergebnis: Bei mittelschwerer Akne können mit Botox sehr gute Ergebnisse erzielt werden“, so Taghetchian. Botox scheint dabei die Fettproduktion der Haut zu hemmen. Hier wird, ebenso wie beim Schwitzen, nur oberflächlich in die Haut an Wangen und Stirn gespritzt, auf die Mimik hat diese Behandlung keinen Einfluss.
 
Zahnfleisch-Lächeln
Beim sogenannten „Gummy Smile“ leiden Betroffene darunter, dass das Zahnfleisch beim Lächeln stark zu sehen ist. Der Grund: Einzelne Muskelgruppen ziehen die Oberlippe zu weit nach oben. „Dieser starke Zug kann mit Botox ein wenig gehemmt werden. So positioniert sich die Oberlippe beim Lachen weiter unten und verdeckt das Zahnfleisch“, erklärt Taghetchian.

Depressionen

Eine Forschergruppe aus Basel testete jetzt die Wirkung von Botox auf die Psyche. Schon nach sechs Wochen stellten sie eine Minderung der Schwere der Symptome um 50 Prozent fest. „Eine genau Erklärung dafür gibt es aber noch nicht“, so Taghetchian. „Eine Hypothese ist, dass hier eine Rückkoppelung stattfindet. Also das Gesicht nicht mehr so traurig aussieht und der Patient sich dadurch besser fühlt.“
 
Augenbrauen-Lifting
Brauen kann man nicht nur mit der Pinzette formen. Beim sogenannte „Browlift“ kann die Braue leicht angehoben werden für den „open eye effect“. Der Grund: Augenbrauen, die sehr nah am Augenlid wachsen, sorgen dafür, dass man immer ein bisschen müde aussieht. Bei älteren Menschen kommen oft leichte Schlupflider hinzu. „Das Brow-Shaping sorgt hier für einen frischeren Gesichtsausdruck.“

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Wadenverkleinerung
Einige Frauen leiden an zu starken Waden im Vergleich zu ihren Körperproportionen – und daran, dass ihnen kein Stiefel mit hohem Schaft passt. Hier wirkt das Injizieren von Botox an den Waden ähnlich wie ein Gips, den man wochenlang trägt. „Der Muskel wird ‚schlafen gelegt‘, dadurch weniger gebraucht und in der Folge verringert sich sein Volumen. Die Funktion des Muskels wird hier nicht beeinträchtigt“, erklärt der Experte. Realistisch sind zwei bis vier Zentimeter Umfang weniger an den Waden. Oft würden dafür schon wenige Behandlungen ausreichen.
 
Vollere Lippen
Wer sich einen schönen Kussmund wünscht, muss diesen nicht gleich mit Hyaluronsäure „aufspritzen“ lassen. Auch mit Botox lässt sich ein wenig „tricksen“. Nach einer Behandlung dreht sich die Oberlippe dabei leicht nach außen und verleiht ihr so den Effekt von mehr Volumen. „Hier handelt es sich nur um wenige Millimeter, das Ergebnis ist somit natürlicher als bei Hyaluron. Botox ist außerdem günstiger. Allerdings hält der Effekt nur zwei bis drei Monate an“, so der Arzt.

Zähneknirschen
Neue Studien besagen, dass sich das Zähneknirschen nach einer Botox-Injektion oftmals bessert. „Manchmal reicht eine Spritze, um ein Jahr Ruhe zu haben. Bei manchen ist es sogar für immer vorbei“, erklärt der Arzt. Bisher ist dieser Effekt aber meist nur eine Nebenwirkung bei Patienten, die ihren breiten Kiefer, genauer gesagt ihre stark ausgeprägten Kaumuskeln, mit Botox schlanker modellieren lassen. „Bisher wird die Behandlung gegen Zähneknirschen kaum nachgefragt. Vor allem, weil die meisten Leute gar nicht wissen, dass es das gibt“, so Taghetchian. „Dabei ist Botox eine gute Alternative zu Schutzschienen, die viele Betroffene nachts tragen müssen.“

Abnehmen
Derzeit wird geforscht, ob sich Botox auch zur Gewichtsreduktion eignet. Dabei wird das Nervengift in den Magen injiziert um die Entleerung zu verlangsamen und so das Sättigungsgefühl zu verlängern. Eine neue Diät ist aber noch in weiter Ferne. „Hier handelt es sich um eine rein experimentelle Studie“, wiegt Taghetchian ab.
 
Haarausfall
Sehr vereinzelt wird Botox derzeit zur Behandlung von Haarausfall eingesetzt. Die Idee dahinter: Durch eine geminderte Spannung der Kopfmuskulatur soll die Durchblutung verbessert werden. „Auch dazu gibt es noch keine verlässliche Studie“ so Taghetchian.

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