„Schmutzige“ Schimmer-Schminke
von Laura Pomer
Was Ihr Make-up mit Kinderarbeit zu tun hat

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie der verführerische Schimmer in Ihren Lidschatten kommt? Die Industrie verwendet dafür Mineralstaub, auch „Mica“ genannt, der von Natur aus glitzert. Dafür muss er jedoch zunächst in ostindischen Minen abgebaut werden – von kleinen Kindern, die dabei ihre Gesundheit riskieren.

Während das Bewusstsein über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Textil-Industrie wächst, wurde ein anderes Problem bislang kaum thematisiert: die Kinderarbeit in der Kosmetik-Branche. Nun aber berichten gleich mehrere Medien über verheerende Zustände in Jharkhand, einem Bundesstaat in Indien, wo schon vierjährige Jungen und Mädchen im Tagebau schuften müssen – und das nur, damit unser Make-up schön schimmert.

  • Glitzer-Make-up

    Foto: Getty Images

    Frauen lieben einen dezenten Schimmer im Gesicht – wohl weil sie nicht ahnen können, unter welchen Bedingungen ihr Make-up hergestellt wurde

Schuften statt Schule
Die Kinder selbst haben laut dem Online-Portal „Aktiv-Gegen-Kinderarbeit“ eine andere Motivation, sich durch die verrußten Minen zu wühlen: Hunger. Damit ihre Eltern etwas zum Essen kaufen können, hacken die Kleinen mit Eispickeln Mineralstaub von den Wänden. Dabei sind sie nicht bloß großen Gesundheitsrisiken ausgesetzt – wie Schlangenbissen, Verletzungen, Atemwegserkrankungen oder einem Mineneinsturz – sondern werden obendrein miserabel bezahlt: An zehn Kilogramm Mica verdienen die Kinder für ihre Familien gerade einmal 50 Rupien, also knapp 60 Cent.

„Schmutziges“ Schimmer-Make-up
Die Glimmer-Ware gelangt über indische Zwischenhändler an internationale Großkonzerne, so wie angeblich auch die deutsche Pharmafirma Merck. 2009 hieß es in der Presse, Merck habe „schmutziges“ Mica gekauft und damit namhafte Kosmetik-Riesen beliefert. Damals hatte das Unternehmen gegenüber der Nachrichtenagentur AFP angekündigt, bessere Kontrollen durchzuführen. Man werde sich ab sofort von den Experten bei „Environmental Resource Management“ beraten lassen und regelmäßig Mitarbeiter in die ostindischen Anbaugebiete schicken.

Aidan McQuade, Chef von Anti-Slavery International, hält diese Schritte nicht für ausreichend. Mehr als die Hälfte des globalen Glitzerpartikel-Verbrauchs stamme aus Indien, das entspreche pro Jahr 150 000 Tonnen (!) Mineralstaub. Vor dem Hintergrund dieser Dimensionen sei es extrem schwierig, Kinderarbeit in der Lieferkette auszuschließen. „Bei stichprobenartigen Prüfungen werden oft große Missstände übersehen,“ erklärt der Menschenrechtsaktivist gegenüber „The Guardian“. Außerdem sei Korruption hier an der Tagesordnung: „Spuren von Kinderarbeit werden oft bewusst vertuscht.“

  • Kind im Tagebau

    Foto: Getty Images

    Im Osten Indiens gibt es unzählige Kohleminen. Ob und in welchen von ihnen Kinder eingesetzt werden, ist nicht nachvollziehbar

Transparenz ist nicht möglich
Erste Unternehmen ziehen aus dieser Undurchsichtigkeit Konsequenzen. So wisse man beim britischen Kosmetik-Hersteller Lush seit Jahren von der Problematik, erklärt Mit-Gründerin Rowena Bird „The Guardian“. „Aus diesem Grund haben wir von unseren Lieferanten bislang Bescheinigungen eingefordert, auf denen sie erklären, ohne Kinderarbeit zu produzieren.“ Nachdem das Thema nun wieder öffentlich aufgegriffen wurde, fehle bei Lush schlichtweg das Vertrauen – „deshalb verzichten wir bis auf Weiteres ganz auf den Einsatz von Glitzerpuder.“

Merck entschied sich, eine Kampagne der indischen Non-Profit-Organisation Bachpan Bachao Andolan (BBA) zu unterstützen, die „kinderfreundliche“ Dörfer in den verdächtigen Minen-Ortschaften aufbaut, um das Risiko auf Kinderarbeit in diesen Gebieten einzudämmen. Laut „IndiaTimes“ arbeiten auch die Kosmetik-Riesen Esteé Lauder und Chanel mit BBA zusammen und spenden regelmäßig für die Familien und das Bildungssystem im Osten Indiens.

Noch keine echte Lösung in Sicht
Richtig viel bringe das alles nicht, glaubt Menschenrechtler Aidan McQuade: Was es brauche, sei ein Gesetz. „Dadurch könnte man Firmen, die mit Kinderarbeit in Verbindung gebracht werden, zur Verantwortung ziehen.“ Und so lange ihre Eltern so verzweifelt schlecht bezahlt werden, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, als ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, ist eine Lösung noch in weiter Ferne. 

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