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STYLEBOOK trifft Wolfgang Joop
von Susanna Riethmüller
„Heidi ist nicht Zeitgeist, sie ist eine Legende!“

Montagabend zeigte Wolfgang Joop (69) in Paris seine neue Wunderkind-Kollektion. STYLEBOOK traf den Designer vorab zum Interview und befragte ihn auch zu seiner neuen Rolle als Model-Papa an der Seite von Heidi Klum (40) in der TV-Show „Germany's Next Topmodel“.

  • Wolfgang Joop

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    Foto: dpa picture alliance

    Wolfgang Joop backstage bei seiner Wunderkind-Show in Paris

Herr Joop, willkommen zurück! Ist es schön, zwischen den Drehs bei „Germany’s Next Topmodel“ mal wieder in Paris zu sein?
Allerdings. Ich war ja zwei Monate in L.A. – und das ist schon eine ganz andere Welt. Das war extrem, aber ich habe versucht, dort so viel wie möglich mitzunehmen. Für mich persönlich und für mein Label Wunderkind.
 
Was ist in L.A. anders?
Los Angeles ist ein Supermarkt. Übervoll, Brand an Brand, Produkt an Produkt, man kann dort alles kriegen. Und dort wird wirklich konsumiert, da sehen Sie den ganzen modischen Exzess wirklich über die Straße laufen. Hier in Paris interessiert sich ja in Wahrheit niemand für Mode. Auf den Laufstegen gibt es die extravagantesten Dinge, aber die Pariser tragen lieber ihren schwarzen Rollkragenpullover und rauchen eine Zigarette.
 
Hat die Mitarbeit an dem TV-Format Ihre Sicht auf die Mode verändert?
L.A. zeigt dir vor allem, was dir selbst fehlt, das war für mich die wertvollste Erkenntnis. Die Kontraste dort sind riesig. Da gibt es einerseits diese niemals alternden Frauen. Dann die Girls, die aussehen, als wären sie unterwegs zur nächsten Hustler-Party. Andererseits eine humane Brutalität, die als Alltäglichkeit akzeptiert wird. Letztendlich ist das alles aber nur eine Vorschau darauf, wie es auch bei uns bald sein wird.
 
Das klingt beängstigend. Und dabei wollten Sie doch nur bei „Germany’s Next Topmodel“ mitmachen...
Mir hat das keine Angst gemacht. Aber man muss sich fragen: Auf welcher Seite möchte ich in Zukunft stehen? Wenn ich da bleiben will, wo ich mich momentan noch befinde, weiß ich, dass das Eis sehr dünn ist. Also gib‘ alles, sei kräftig, sei gesund, sei nüchtern, sei schnell, damit du diesen Rollercoaster mitmachen kannst.

Der Dreh für GNTM, gleichzeitig Ihre Kollektion fertig machen für das Defilee in Paris. Wie haben Sie das geschafft?
Das war tatsächlich sehr anstrengend. Allein schon, dass ich nachts um zwei mit dem Atelier in Deutschland telefonieren musste, weil es dort dann früher Morgen war. Viele der Ideen waren zum Glück schon vorher da, sie mussten nur noch umgesetzt werden. Außerdem arbeite ich im kleinstmöglichen Team, ich habe keine Berater, keine Stilisten, nichts. Ich muss also – eigentlich aus der Not heraus – meine Ideen immer sofort abrufen und auf den Punkt bringen. Das hat den Vorteil, dass alles schneller geht.

Hat GNTM Sie für die Kollektion inspiriert?
Nein, eher das, was ich in meiner direkten Nachbarschaft wahrnehme. Ich hole mir meine Inspirationen nicht, indem ich fremde Länder besuche, Muscheln sammele und mir ein Stück balinesischen Stoff mitbringe. Sondern aus dem, was um mich herum passiert. Ich beschäftige mich zum Beispiel seit Längerem mit Tierzeichnungen. Also habe ich mich mit meinen Enkelkindern hingesetzt und mit ihnen Tiere und Wald gemalt. Daraus wurden Drucke für die Kollektion: Eichhörnchen, Hasen, Katzen. Eine wilde Kollage, sehr persönlich entstanden. Ganz direkt. So läuft das bei mir. 

Konnten Sie, mit all Ihrer Erfahrung in der Modebranche, trotzdem noch etwas bei GNTM lernen?
Nicht unbedingt etwas lernen. Aber vieles mitnehmen. Ich nehme diese Sendung sehr ernst, das sieht man glaube ich auch. Wie sehr mir die Träume und Ängste dieser Mädchen ans Herz gehen. Ich bin ja in der Welt der Mode einer der wenigen Männer, die Kinder und Enkelkinder haben. Modebusiness und Familie, das schließt einander oft aus, Designer sind meistens Einzelgänger. Aber gerade aus dieser Erfahrung heraus sehe ich das Schicksal der Mädchen ganz anders als die anderen Juroren, vielleicht menschlicher.

  • GNTM bei Joop

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    Foto: Instagram

    Die GNTM-Kandidatinnen Samantha und Ivana – backstage bei der Show von Wolfgang Joops Wunderkind Montagabend in Paris

Andererseits haben Sie als Juror in der Sendung aber auch die High-Fashion-Brille auf, bewerten die Mädchen nach den strengen Kriterien, die in der Modehauptstadt Paris gelten.
Thomas Hayo betrachtet die Kandidatinnen mit dem kommerziellen Blick eines Werbe-Fachmanns. Wie kann ich ein Mädchen werbewirksam einsetzen, wie kann sie mit Produkten umgehen? Heidi hat immer im Auge, wie ihre eigene Karriere abgelaufen ist, sie will das nächste Victoria’s-Secret-Model finden. Das muss Präsenz haben, sexy sein, lächeln können. Ich suche etwas anderes, nämlich ein Gesicht, das dem Zeitgeist entspricht, die Verabredung mit unserem Moment. Und der ist manchmal sehr viel stiller und individualistischer, als man glaubt und aus den Zeitungen kennt.

Ist es schwer, diese spezielle Sicht bei Heidi – und letztendlich ja auch bei den TV-Zuschauern – durchzusetzen?

Ja. Aber genau dabei habe ich Heidi bewundern gelernt. Thomas erklärt oft die gleichen Standards, die aus seiner Welt betrachtet auch richtig sind. Ich habe dann immer dazwischen gerufen: Papa, don’t preach! Heidi lachte sich tot. Gleichzeitig begriff sie aber sehr schnell – und zwar ohne mich auch nur anzusehen, sie konnte meine Gedanken lesen – und änderte ihre Strategie. Das war unglaublich, ich habe vor dieser Frau mittlerweile den größten Respekt. Wen gibt es denn, der sich mit ihr vergleichen könnte?

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Was bewundern Sie am meisten an Heidi Klum?
Heidi lebt stark im Moment und hat diesen Moment sehr gut im Griff. Ihr Leben, ihr Business, das soll ihr erst einmal jemand nachmachen. Dazu kommt ihre legendenhafte Beauty. Heidi ist ja nicht Zeitgeist, sie ist eine Legende – bigger als Claudia Schiffer, bigger als Kate Moss. Sie ist präsent, sie ist eine Medienfrau. Kein Model, das einfach nur von Anzeige zu Anzeige torkelt oder von Party zu Party. Dann hat sie auch noch vier Kinder. Heidi ist ein Macher, kein Opfer.
 
Also ein perfektes Vorbild für junge Models, oder?
Ja. Models werden oft als Opfer dargestellt und sind es häufig auch. Wir versuchen in der Sendung gemeinsam, den Mädchen beizubringen: Sei keins! Vor allem der Kandidatin Nathalie, die mich mit ihrer natürlichen Schönheit wirklich begeistert, musste ich das oft sagen. Nathalie, wenn du dem Fotografen so begegnest, wie gerade mir – dann landest du nicht auf dem Foto, sondern auf der Couch. Deshalb wirst du jetzt erst mal aufhören mit diesem übertriebenen Ehrgeiz, dich so anzupreisen, dich anzubiedern, anzubieten. Das ist erstens nicht cool und zweitens äußerst gefährlich.
 
Für die Mädchen sind Sie ein besonders glaubhafter Ratgeber.
Normalerweise hat man als Designer ja nicht so viel Zeit mit den Models. Da kommen sie vorbei, man guckt sie sich kurz an und sagt: we call you. Weil man sich denkt: hm, Hüfte stimmt nicht, na ja, Größe stimmt auch nicht. Lachen braucht sie ja nicht, aber die Zähne sind schlecht... Das sehen wir normalerweise in einer Sekunde. Wir wissen sofort, ob das Mädchen das hat, was wir suchen. Dass man sie so gut kennen lernt, dass man sich mit ihnen auseinander setzt, das ist etwas Besonderes.
 
Herr Joop, ehrlich: Sie sind schon jetzt der heimliche Gewinner von „Germany's Next Topmodel“. So frech, aber eben auch so fundiert war noch kein Juror in dieser Sendung. Wie haben Sie sich vorbereitet?
Ehrlich gesagt: gar nicht. Ich habe keinen Coach, nicht mal ein Skript. Ich gehe da einfach rein, habe nur einen Drehplan, der mir sagt, wann ich aufschlagen muss. Und dann schaue ich, was heute so los ist. Aber: Ich habe immerhin 30 Jahre Berufserfahrung in der Branche, und zwar aus einer Ecke kommend, die für diese Sendung neu ist. 30 Jahre! Wer hat das in diesem Business schon so hautnah erlebt, wie ich – und das dann auch noch überstanden? Der Planet der Mode lässt ja jeden kommen, aber er schmeißt auch jeden wieder raus, ganz schnell. Man sieht doch, wie viele aus der Kurve fliegen jedes Jahr. Die Fotografen, die nie wieder gebucht werden. Die Designer, Galliano, Alexander McQueen, die es mit ihrer ganzen emotionalen Kraft eben nicht schaffen, standhaft zu sein. Die Models, die du nie wieder siehst.
 
Vor allem Mädchen aus Casting-Formaten sind allerdings selten nachhaltig erfolgreich. Warum eigentlich?
Weil sich generell wenig Mädchen wirklich lange halten können. Dafür ist die Mode zu schnell, erfindet sich zu oft neu. Da kann es eben sein, dass das Model, das man gestern noch suchte, heute schon nicht mehr passt. Das ist selbst einer Claudia Schiffer passiert, als Lagerfeld sie plötzlich für passé erklärt hat. Und die ganze Modewelt auf einmal ins selbe Horn geblasen hat. Claudia Schiffer, eben noch ein Superstar, musste erleben, dass Fotografen und Redakteure sie auf einmal untouchable fanden.
 
Was macht eine Kate Moss richtig? Die feierte gerade ihr 25-jähriges Modeljubiläum.
Sie ist präsent – aber gleichzeitig entzieht sie sich. Sie biedert sich an, aber nur auf dem Foto! Die Person dahinter existiert in diesem Moment nicht. Bei Heidi ist es anders herum, sie ist viel mehr Persönlichkeit, hat sich dadurch einzigartig gemacht. Für viele Sets ist sie aber natürlich zu groß, denn: Wenn Heidi kommt, ist alles andere nur noch Kulisse.
 
Können Sie sich Heidi auf dem Wunderkind-Laufsteg vorstellen?
Auch hier würde sie viel zu sehr rausstechen, alle anderen Mädchen in den Schatten stellen. Deshalb war sie auch nie auf dem Laufsteg. Sie sagt ja selbst, dass sie in den 90er-Jahren in Mailand und Paris vorstellig wurde und keiner sie gebucht hat. Sie war immer zu gesund, immer zu präsent. Bei Victoria’s Secret passt das, nackte Mädchen mit Flügeln, ein Star nach dem anderen, dazwischen Gisele Bündchen. Das ist eine Revue! Aber in der Fashion ist man leiser, zurückgenommener, da will man cooler sein.
 
Ein Karriere-Tipp, den Sie bei GNTM jedem Mädchen geben?
Bleibe bodenständig. Verliere deine sozialen Bindungen nicht. Lass dich nicht ausbeuten von der Idee, dass morgen aus dir etwas ganz Tolles wird. Entweder es wird, oder es wird nicht. Sei diszipliniert, lass dich nicht verführen, sei kein party pet. Es ist verführerisch, aber man muss verstehen: Die Mode, die Beauty, das sind Drogen – und Drogen machen nie glücklich, sie versprechen es nur.
 
Erfolg in der Modebranche zu haben und ein glücklicher Mensch zu sein, das schließt einander also aus?
Sucht heißt ja, dass die Erfüllung nicht gekommen ist. Sonst wären wir ja mit dem Exzess glücklich geworden. Aber nach dem Exzess kommt immer das Down. Ich bin nach jeder Modenschau zwei Tage depressiv. Die Anspannung fällt ab, aber mit ihr verlässt dich auch das Glücksgefühl. Und dann ist auch noch dein Team auf einmal weg, mit dem du die letzten Tage und Wochen ununterbrochen zusammen warst. Man hat sich noch, wie früher im Ferienlager, versprochen, dass man sich Karten schreibt und jeden Tag wieder sieht. Aber das passiert nicht.
 
Was machen Sie dann?
Zum Glück steht immer gleich die nächste Kollektion an, es geht also sofort wieder los. Oder ich stelle mir eine andere Aufgabe, zeichne, schreibe. Und dann habe ich ja auch noch Enkelkinder. Die kommen oft zu kurz, aber fast jeden Sonntag male ich mit ihnen. Das ist etwas, das mir immer bleibt.   

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