Interview mit Parfumeur Serge Lutens
„Ein gutes Bad ist besser als jedes Parfum“

Er ist ein Philosoph unter den Parfumeuren. Der Franzose Serge Lutens (69) kreiert Düfte, die sperrig sind, nichts für die breite Masse – vielmehr Kunst als Kommerz. So lancierte er einen Anti-Duft als Reaktion auf die „überparfumierte“ Welt. Im Gespräch mit STYLEBOOK erzählt er, was es damit auf sich hat, welche Gerüche er verabscheut und wie man den perfekten Duft findet.

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    Foto: Ling Fei

    Er ist einer der berühmtesten Parfumeure der Welt: Serge Lutens

STYLEBOOK: Monsieur Lutens, benutzen Sie selbst Parfum?
Serge Lutens: So selten wie möglich. Gelegentlich, wenn ich abends ausgehe, aber das kommt nicht so oft vor. Doch dann parfumiere ich mich sehr stark. Ich mag es, Spuren zu hinterlassen. Ich bin ein Rebell.

Sie haben ein „Anti-Parfum“ kreiert. Warum?
Ich habe es als Reaktion auf eine viel zu parfumierte Welt kreiert. Egal wo, alles ist parfumiert: von Fahrstühlen bis zu eleganten Toiletten, wo sich der Geruch von Lavendel wunderbar mit dem Geruch von Exkrementen mischt. „L’Eau Serge Lutens“, dieses Anti-Parfum, ist ein Duft von frischer Wäsche, von auf einer Wäscheleine aufgehängten weißen Laken und von reiner Luft. Es ist ein Geruch, wie ein Kopfkissenbezug unter der Wange eines Kindes. Das ist Luxusvergnügen – und ich möchte darauf aufmerksam machen – mit Frische. Ein gutes Bad tut einem besser als ein Parfum, das etwas Fragwürdiges verdecken und nicht aufklären will.

An welchen Geruch Ihrer Kindheit erinnern Sie sich?

Genau genommen gibt es da zu viele. Aber wenn ich Ihnen sagen würde, dass es der Krieg ist, die Trennung von meiner Mutter im Jahr 1942, dann wäre ich nicht sehr weit von einer Art von Unglück entfernt, welches sich – abschließend gesehen – letztendlich doch zum Guten gewendet hat. Denn ohne diese ganzen Sachen wäre ich jetzt nicht derjenige, der ich bin.

Welchen Geruch verabscheuen Sie?

Den Geruch der Überheblichkeit, des Vortäuschens und desjenigen, der sich weigert, zu sein, was er sein sollte. Das soll heißen: Nur ein gewählter Geruch, der – wenn man so sagen kann – zu einem selbst gehört oder einen bezirzt, ist die Konsequenz des Seins.

Können Sie eigentlich noch unbeschwert riechen?
Ich bin zu nichts Anderem in der Lage. Alles, was verfälscht ist, das sich in der Welt als „zu viel“ präsentiert, kann die Stärke und das Gefühl eines gefundenen Duftes nicht auslöschen. Denn: Bis zum siebten Lebensjahr, dem sogenannten „Alter der Vernunft“, sind unsere Geschmäcker geformt und wir entdecken nichts Neues mehr: Wir erkennen wieder und verstärken unsere Eindrücke nur. So muss man immer nur wiederfinden und nicht neu entdecken.


Bevor Sie mit der Arbeit an einem neuen Parfum beginnen: wissen Sie da bereits genau, wie es am Ende riechen wird?
Ich hab dann bereits eine Idee, wie er sein soll: rosig, wie Asphalt oder wie Holz... Ich kenne die Stimmung und den Geist, mit welchem ich arbeiten werde. Aber sehen Sie: Der wahre Partner, der Sie leitet, das ist das Parfum allein, selbst wenn ich die Hilfe eines Chemikers habe. Allein die Nase – die Intuition – das ist die natürliche Verbindung zum Parfum. 

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Wie finde ich einen Duft, der zu mir passt?
Ohne Überlistung, ohne „das ist es, was ich haben muss“. Lassen Sie Widerspruch und Instinkt sich mischen, um das wahre „Sie“ zu finden oder, wenn Sie lieber mögen, das wahre „Ich“.

Sie haben Ihre Wahlheimat Marrakesch eine „Bibliothek der Düfte“ genannt. Welche Impressionen sind typisch?

Die Dinge, die ich wiederfinde... bizarr, weil kindlich. Ich habe früher in Lille gewohnt, im Norden Frankreichs, und während dieser sieben fabelhaften Jahren habe ich regelmäßig eine maghrebinische/nordafrikanische Straße überquert. Auch wenn ich seitdem die Straße ziemlich vergessen habe, sind die Musik und die Gerüche doch tief in mir verankert. Und als ich dann viele Jahre später in Marrakesch war, reagierte meine Nase sofort begeistert darauf. Soll heißen: Es war nicht mehr das Gleiche, denn mit mir sind auch die Gerüche gereift und dann habe ich sie quasi in eine Flasche gebannt... in meinem imaginären Schloss.

An welchen Orten gibt es die schönsten Düfte?
Dort, wo wir geboren sind, und nicht dort, wo unsere Nasen sind. Ich will damit sagen, dort, wo man sich in seinen Entscheidungen wiedererkennt, in seinem Ärger und seinen Farben, in seinen Tränen und seinem Leiden, mit Lachen und Freude. Das alles macht ein Parfum aus, der Duft des Ortes, an dem wir unsere Wurzeln haben.

Gibt es eine Zukunft für die „Haute Parfumerie“?
Nur unter der Bedingung, dass sie uns nicht arrogant beherrscht, sondern ihren Platz in uns behält. Wenn wir durch sie wunderbarerweise zum Besten unserer selbst finden und sie sich nicht selbst durch Preis und Vorgaben überbewertet. Jede Sache muss an seinem Platz bleiben!

Serge Lutens gilt heute als einer der wichtigsten Parfumeure weltweit. Doch gelernt hat er diesen Beruf nie. Mit 14 Jahren begann er eine Ausbildung zum Friseur und verpasste Damen exzentrische Kurzhaarschnitte. Mit seinen ausgefallenen Ideen und dem nötigen Mut diese umzusetzen, engagierte ihn die „Vogue Paris“ als Haar-, und Make-up Stylisten, später war er für die Kosmetiklinie bei Dior verantwortlich und in den Achtzigern wurde er zum Kreativchef von Shiseido ernannt. Als Autodidakt kreiert Lutens seit den 90er Jahren seine eigenen Düfte.

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