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Fußball-Experte spricht über Kicker-Mode
von Thomas Helbing
„Ronaldo ist der grösste lebende Styler“

Wie passen Mode und Fußball zusammen? Der Journalist und Spieler-Berater Thomas Lötz (48) hat darüber ein Buch veröffentlicht. STYLEBOOK hat mit ihm über ballsichere Stilikonen, Jogis Taillen-Hemden und fehlende Mode-Vorbilder im deutschen Team gesprochen.

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    Foto: Pixathlon, getty images

    Cristiano Ronaldo (29) polarisiert: auf dem Rasen mit seinem Spiel, abseits davon mit seinem Style. 2003, da spielte er gerade seine erste Saison bei Manchester United, war sein Poser-Potential schon zu erkennen (l.). 2008 mit Frisur im Schweinsteiger-Look (M.) und 2013 bei der Gala zum Weltfußballer des Jahres (r.)

STYLEBOOK: Herr Lötz, wie passen Fußball und Mode zusammen?
Thomas Lötz: Fußball ist immer auch Ausdruck. So wie Mode. Im Hinblick auf die Ästhetik liegt da also eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen Spielfeld und Catwalk. Die konkrete Verbindung von beidem hat in den 60er-Jahren begonnen, als Kleidung als „Fashion“ wahrgenommen wurde und auch Fußballer begannen, sich bewusst modisch zu kleiden. Einer der ersten war George Best, eine Spieler- und Stil-Ikone von Manchester United.

Sind Fußballer also besonders eitel?
Ganz sicher nicht alle, aber die Eitelkeit hat deutlich zugenommen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Fußball Mannschaftssport ist. Im Kollektiv Individualität zu zeigen, ist schwierig. Neben herausragenden Leistungen kann man sich da vor allem über den Style – also Frisuren, Tattoos, Klamotten, Autos – profilieren. Früher waren die Spieler ‚Typen in Trainingsanzügen‘. Heute kommen und verlassen sie das Stadion in ihrer eigenen Mode.

Oder im Mannschafts-Designeranzug...
...etwas, das es übrigens schon immer gab. Früher vor allem aber bieder-provinziell. Da ging man zum klassischen Herrenausstatter der Stadt, und der schneiderte dann die Klubanzüge. Heute sind große Designer-Marken stolz und froh, wenn sie Partner eines erfolgreichen Vereins sein können.

Hat sich auch die Mode auf dem Spielfeld verändert?
Durchaus. Wenn es auch in erster Linie die Materialien sind, die sich verändert haben. Früher bestand das klassische Fußball-Trikot aus Baumwolle. Das hatte den Nachteil, dass sich das Trikot mit Schweiß vollsog und immer schwerer wurde. Darüber hinaus konnte man sich in den kälteren Jahreszeiten leichter verkühlen. Bei den heutigen Hightech-Fasern kommt das nicht mehr vor. Mittlerweile tragen die meisten Spieler unter dem Trikot noch Funktionswäsche. Nicht nur, weil es angenehmer ist, sondern weil diese etwa auch die Blutzirkulation beeinflusst und die Muskelleistung optimiert.

Und in punkto Schnitt, Proportionen?
Vor fünf bis zehn Jahren gab es den Trend, dass man Trikots hauteng geschnitten hat. Bei der WM in Brasilien sieht man diesen Stil noch bei jenen Teams, die vom Hersteller Puma ausgestattet werden. Diese Outfits stellen den Körper und dessen Proportionen besser heraus, ähnlich wie die engen Shirts und kürzeren Hosen aus den 60er- und 70er-Jahren. Momentan hat man sich überwiegend auf ein passgenaues, gleichwohl legeres Oberteil und Beinkleid festgelegt. Sicherlich gibt es auch Spieler, die lieber im hautengen Ober- und Unterteil spielen würden, weil sie sich darin wohler fühlen. Da es aber ein Teamsport ist, wählt man eher den Mittelweg.

Tennis steht für Weiß, Golf für klassische Club-Wear. Welches Teil ist ikonisch für den Fußball?
Das Trikot. Ikonisch war ganz lange das Trikot des FC Barcelona, weil es als Einziges über viele Jahre hinweg werbefrei war. Klassiker sind natürlich auch das weiße Trikot von Real Madrid, das weiß-schwarz gestreifte von Juventus Turin oder das rot-weiße von Ajax Amsterdam.

Warum ist der Fanschal so wichtig?
Ich weiß nicht, ob der noch so wichtig ist. In erster Linie dürfte er für die Vereine wichtig sein, weil die damit sehr gute Umsätze erzielen. Er ist ein Utensil, mit dem man seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zeigen kann. Und natürlich ist der Fanschal in den nordeuropäischen Gefilden nützlich bei kaltem Wetter. Mein Eindruck ist aber, dass das Trikot heute wichtiger ist als der Schal.

Allerdings haftet dem Fußball immer etwas prolliges an. Warum?
Ich glaube, das ist eine überholte Ansicht. Der Fußball hat sich sehr verändert in den letzten Jahrzehnten, er ist heute komplett durchkommerzialisiert, ein Familienevent und kein „Prollsport“ mehr. Was ich übrigens bisweilen sehr schade finde. Ich bin groß geworden mit Erstliga-Stehplätzen für 5 Mark, vulgären Schmähgesängen, selbstgenähten Kutten, Bierduschen. Das war cool. Gibt es heute leider nur noch in den unteren Ligen.

Ihr Buch beginnt mit einem Kapitel über George Best, für Sie der erste Fußball-Profi mit Stil. Wer ist der George Best von heute?
Man kann nicht von einem neuem George Best reden. Ich glaube, dass Cristiano Ronaldo heute der größte lebende Styler unter den aktiven Fußballern ist.

Finden Sie den Modestil von Ronaldo wirklich stilprägend? Eher rangiert er doch in der Kategorie „Guten Geschmack kann man für kein Geld der Welt kaufen“.
Für mich sind Styler nicht immer nur wohlangezogene Leute. Ich mag Cristiano Ronaldo. Ich schätze ihn als Fußballspieler sehr. Alles, was er abseits des Platzes macht, berührt mich nicht besonders. Ich nehme jedoch wahr, dass er einen Stil prägt. Er versucht durch Mode, bestimmte Accessoires und dicke Autos seine äußere Wahrnehmung zu prägen. Natürlich ist sein Style nicht revolutionär, nicht handverlesen. Er achtet eher darauf, dass es teuer ist. Er ist ein Protzer. So wie er sein Sixpack zur Schau stellt, tut er es mit seiner Mode.

Wie denken Sie über das Phänomen David Beckham?
Den finde ich sensationell! Für mich hat er ein unglaubliches Gespür dafür, wann und wie man seinen Stil weiterentwickeln kann. Zuletzt hatte er so eine Sir-Gentleman-Phase. Ich habe keine Ahnung wer ihm sagt, was er anziehen soll. Aber wenn er all das alleine entscheidet, dann ist es Wahnsinn. Und wenn es seine Frau ist oder er einen Berater engagiert, dann beweist er wiederum nur, dass er eine große Sensibilität für das Thema hat. Und im Vergleich zu Ronaldo hat Beckham natürlich ungleich mehr losgetreten. Nehmen wir nur die Bandbreite der verschiedenen Frisuren Beckhams: vom Seitenscheitel, über Glatze bis hin zu asymmetrischen Schnitten. Und Beckham hat auch dafür gesorgt, dass Tattoos Mode und Mainstream wurden und ihr anrüchiges Image verloren haben.

Gibt es einen deutschen Fußballspieler der zur Stilikone taugt?
Ehrlich gesagt, fällt mir das ein bisschen schwer. Wenn man sich die Löwsche Nationalmannschaft anschaut, achten zwar alle auf ihre Klamotten, aber keiner hebt sich wirklich ab. Ich finde, das ist aber auch der Stil dieser Mannschaft. Das ist ein Kollektiv, keiner will sich groß hervortun, ausscheren. Ich glaube, es würde der Mannschaft gut tun, wenn es ein, zwei hervorstechende Personen geben würde. Schweinsteiger tut dies nur halbherzig, wäre aber so ein Typ – genauso wie „Peng Peng“ Boateng.

Jogi und sein tailliertes Hemd – was wollen uns beide damit sagen?
Ich weiß nicht, ob das wirklich eine Message ist. Strenesse hat sich vor der EM 2008 wohl überlegt, wie man die Trainer gut aussehen lassen kann und gemerkt, dass sie eigentlich die gleichen Klamotten wie die Spieler tragen können. Dann kam hinzu, dass es warm war und Löw das Jackett auszog. Und so saß er dann da in den hellblauen oder weißen, taillierten Hemden. Ich glaube allerdings,  der hat das einfach angezogen und war sich der Sache gar nicht so bewusst. Genau wie bei seinen Schals. Das ist sein wiedererkennbares Outfit  – tailliertes Hemd, Schal und V-Neck-Pulli ohne was drunter.

Und was macht Bayern-Trainer Pep Guardiola richtig, dass sein Stil in den Sport-Nachrichten bejubelt wird?
Er passt mit seiner schlanken Figur wahnsinnig gut in die immer noch aktuelle Slim-Fit-Mode mit den schmal geschnittenen Anzügen. Schon bei Barca hat Guardiola einen ganz besonderen Stil vermittelt und geprägt, von dem er allerdings ein bisschen abrückt. Seit er bei den Bayern ist, habe ich den Eindruck, dass seine Looks nicht mehr ganz auf den Punkt sind. Das war früher klarer. Es scheint, dass er sich ein bisschen der deutschen Trainer-Mentalität angepasst hat. Die, das meine ich jetzt nicht abwertend, eher geprägt ist durch Leute wie Jürgen Klopp: Trainingsjacke, Trainingshose und ordentliche Schuhe tun es eben auch.

Was können denn normale Jungs von Fußballern in punkto Stil lernen?
Lernen? Wie funktioniert Mode?! Man guckt sich etwas an und findet es gut oder eben nicht. Dann guckt man, ob es einem passt und ob man die Figur dafür hat. Wenn man klein und übergewichtig ist, macht es keinen Sinn, sich am Stil eines durchtrainierten Weltklassespielers zu orientieren. Fußballspieler erfinden ja nicht die Mode. Sie suchen selbst danach, was schön ist und was ihnen auf den Laufstegen und in den einschlägigen Magazinen auffällt. Das sind eher die Inspirationsquellen. Das Einzige, was man als normaler Junge von einem Fußballprofi in punkto Stil vielleicht lernen kann: Wenn du ordentlich trainierst und dich bewegst, dann hast du einen Körper, der es dir gestattet, jede Mode mitzumachen.

Braucht der Fußball die Mode?
Ich glaube, Mode tut dem Fußball gut, weil sie einem Spieler und Trainer die Möglichkeit des individuellen Ausdrucks gibt. Im Teamsport ist es wichtig, dass man Teil eines Kollektivs ist. Aber es ist auch wichtig, dass man sich abgrenzen kann. Und da ist Mode ein sehr charmanter Weg. Sie gibt die Möglichkeit, beides sein zu können: Individualist und Teamplayer.

  • Buch Football Styler

    Foto: spielmacher Verlag

    Im Bildband „Football Styler“ (spielmacher) setzt der Journalist Thomas Lötz stylischen Fußballern ein Denkmal

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