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Fashion-Week-Report: Stars wichtiger als Trends?
von Thomas Helbing
Die verrückte Show vor der Fashion-Show

In ist, wer drin ist – nirgendwo gilt das mehr als bei den Pariser Prêt-à-porter-Schauen. Oder ist das Spektakel neben und vor einer Modenschau mittlerweile wichtiger als die neueste Mode auf dem Laufsteg? STYLEBOOK.de hat sich ins Fashion-Getümmel gestürzt und nachgefragt.

Paris, Fashion Week, Dior-Show am Freitag. Das Modehaus hat für sein Defilée der Herbst- und Winterkollektion 2015/16 einen Show-Pavillon in einen Innenhof des Louvre gebaut.

Davor Spektakel wie bei einer Hollywood-Premiere. Blitzlicht, Security, Fotografen, Fans, Gekreische, Tumult. Dabei sind wir immer noch bei einer Modenschau. Moderedakteure sind nur noch Randerscheinung. Das ist nicht nur bei Dior so, sondern bei jeder großen Modenschau in Paris. Die Aufmerksamkeit gilt anderen: Kim Kardashian, Kanye West, Lady Gaga, Kate Moss und all den anderen Hochglanz-Gesichtern wie dieses Handyvideo von der Ankunft Dakota Johnsons (25) zeigt:

Klar, das Highlight findet drinnen statt. Ein Ticket für eine Modenschau immer noch so begehrt wie die neuste It-Bag. Wer reinkommt, ist wichtig, ein Star. Aber: All die Modeblogger, die draußen bleiben müssen, inszenieren ihre eigene Show. Haben sich aufgemotzt, um für unzählige Fotografen zu posieren. Das ist ihr Mode-Moment. Die Straße ist ihr Laufsteg. Das hier ist IHR Job. Ein Spektakel! Mittlerweile genauso wenn nicht wichtiger als Schnitte, Muster, Farben und die Kims & Cos drinnen.

Was fasziniert junge Menschen mehr denn je an Mode? Wer sind die, die sich für diesen Fashion-Hype inszenieren, Teil des Business sind? Und warum ist das wichtig? Hier die Antworten:

  • Foto: Thomas Helbing für Stylebook.de

    Djelsa, Modestudentin aus Albanien, lebt seit 6 Monaten in Paris

    Warum bist Du heute hier? „Eigentlich bin ich auf dem Weg zu meinem Praktikum. Aber da Fashion Week ist, hab ich einen Umweg gemacht hier zur Issey Miyake Show, um einfach zu gucken, was hier los ist.“

    Hast Du Dich extra deshalb so toll angezogen? „Nein. Das mache ich jeden Tag. Ich studiere ja an einer Modeschule. Da ist es wichtig, besonders angezogen zu sein.“

    Ist es Dir wichtig, in Deinen tollen Looks fotografiert zu werden? „Es ist wichtig, gesehen zu werden. Das fotografiert zu werden, ist der kleine Nebeneffekt.“

    Warum ist es wichtig, gesehen zu werden? „Die Leute sollen sehen, dass man sich mit Mode ausdrücken kann, das man eine Botschaft hat.“

    Wie lautet Deine Botschaft? „Sei mutig.“

    Hast Du ein Ticket für die Show? „Nein.“

    Würdest Du gerne eines haben? „Natürlich! Ich studiere Mode. Also möchte ich alles sehen, was mit Mode zu tun hat.“

  • Foto: Thomas Helbing für Stylebook.de

    Mathieu, 16, Schüler aus Paris, vor der Show von Issey Miyake

    Warum bist Du heute hier? „Weil ich Mode liebe und die Mode von Issey Miyake.“

    Und Du hast eine Einladung für die Show? „Nein, habe ich nicht. Aber ich hoffe, dass sie mich reinlassen.“ (Matthieu steht in der Schlange für „Standing“, mit gefühlt 100 anderen. Manchmal werden sie in Shows gelassen, wenn noch Plätze frei sind. Allerdings passiert es sehr selten.)

    Wie oft hast Du schon versucht, in eine Show zu kommen? „Ich mach' das heute zum ersten Mal. Davor habe ich mir immer die Shows auf Youtube angeguckt. Jetzt möchte ich endlich einmal live dabei sein.“

    Kurz nach dem Interview kommt Matthieu auf mich zu, bietet mir Geld dafür, dass ich ihm meine Show-Einladung überlasse, damit er reinkommt. Ich schenke sie ihm.

  • Foto: getty images

    Marie aus Toulouse

    Marie wollte sich nicht fotografieren lassen, trägt eine schwarze Hose, schwarzen Anorak, krauses, blondes Haar, steht abseits vom Eingang zur Diorshow und beobachtet den Trubel.

    Bonjour Madame, warum sind Sie heute hier? „Ich bin mit meinem Sohn hier.“

    Wo ist er? „Er steht da vorne und fotografiert.“ (Zeigt mit der Hand nach vorne in die Menschentraube aus Fotografen, Bloggern, Zuschauern)

    Und Sie begleiten ihn immer, wenn er vor den Modenschauen knipst? „Nein, nur heute. Er ist seit sechs Monaten in Paris und macht ein Praktikum fürs Studium. Ich besuche ihn gerade.“

    Und was denken Sie über das Hobby ihres Sohnes? „Es macht ihm Spaß, er liebt alles, was mit Mode zu tun hat. Also lass ich ihn einfach machen. Mich interessiert dieser Modekram nicht. Aber amüsant ist es trotzdem.“

  • Foto: toomblonde.blogspot.de

    Sonia Phillips, Bloggerin aus Paris

    Sie haben eben diese Frau fotografiert. Warum? „Weil sie toll angezogen ist.“

    Wissen Sie denn, wen Sie da fotografiert haben? „Nein.“

    Interessiert es sie gar nicht, wer das war? „Nein. Mich interessiert nur, ob sie gut angezogen ist. Dann fotografiere ich sie für meinen Blog. Wer das ist, ist mir egal.“ (Es war das französische Model Camille Rowe in einem langen, weißen, bestickten Dior-Kleid.)

    Haben Sie eine Einladung für die Dior-Show? „Nein.“

    Für andere Shows? „Auch nicht. Aber ich will später versuchen, in die Show von Isabell Marant zu kommen.“

    Geht das denn ohne Einladung? „Ja manchmal machen sie das. Dann lassen sie dich auch ohne Einladung rein, wenn noch Platz ist. Also werde ich es versuchen.“

    Sonia schreibt den Blog „Too MuchBlonde“ erst seit wenigen Wochen

  • Foto: Thomas Helbing für Stylebook.de

    Festy und Chaby, Blogger aus Budapast

    Wie wichtig ist es für Euch, hier fotografiert zu werden? „Wir sind Streetstyle-Blogger (Festy betreibt den Blog „Festy in Style“). Das ist unser Job, damit verdienen wir Geld. Es ist natürlich sehr wichtig für uns. Wir sind speziell, treten immer gemeinsam auf, stimmen unsere Outfits aufeinander ab.“

    Habt Ihr ein Ticket für die Show? „Nein, nicht für die Show. Aber wir dürfen den Backstage-Bereich besuchen und schreiben darüber, unter anderem für ‚Marie Claire Hungary‘ und natürlich unseren Blog.“

    Hättet Ihr gerne ein Ticket für die Show? „Nein. Es ist nicht so wichtig für uns. Man kann die Sachen ja direkt nach Show auf Fotos angucken. Aber für ein paar Shows haben wir auch Einladungen bekommen, die wir besuchen werden.“

  • Foto: getty images

    Elias Nalin, Stylistin, Streetstyle-Star

    Sie sind ein Modestar, werden ganz oft fotografiert für Streetstyle-Blogs. Warum ist das heute so wichtig in der Mode? „Es ist wichtiger als früher. Begonnen hat alles, als Tommy Ton und The Sartorialist angefangen haben mit ihren Streetstyle-Fotografien. Es ist zu einem Phänomen geworden.“

    Wieso braucht die Mode das? Oder sollte alles wieder so intim sein wie früher?
    „Auf keinen Fall. Das hat doch die ganze Modeszene verändert, hat sie facettenreicher gemacht. Designer lassen sich heute von Bloggern und Streetstyle-Fotos für ganze Kollektionen inspirieren und Stylisten wie mich für Shootings. Du bekommst die Trends und Ideen quasi frei Haus geliefert.“

    Also ist die Show vor der Show mittlerweile wichtiger als die Präsentation auf dem Laufsteg?
    „Nicht für mich. Das, was die Designer auf dem Laufsteg zeigen, ist für meine Arbeit essentiell. Aber: Alles was sich davor abspielt, gehört heute dazu. Es hat dafür gesorgt, dass Mode viel alltäglicher und natürlicher geworden ist.“

  • Foto: getty images

    Christiane Arp, Chefredakteurin „Vogue“ Deutschland

    Ich erwische sie vor der Dior-Show.

    Frau Arp, wie denken Sie über dieses Spektakel. Man hat das Gefühl, es wird von Saison zu Saison wahnsinniger, der Trubel und die Inszenierung vor den Schauen immer größer? „Ich denke, früher waren Modenschauen wie ein kleines Schmuckkästchen. Wir Moderedakteure saßen darin, haben etwas gesehen, zu dem niemand außer uns Zugang hatte und wir haben bestimmt, wann wir dieses Schmuckkästchen öffnen und immer ein bisschen von dem, was wir gesehen haben, rauslassen. Das ist heute völlig anders. Und gut so.“

    Was hat sich verändert? „Heute sieht jeder durch die Möglichkeiten des Internets im selben Moment wie ich die Show. Zusätzlich gibt es diese Bühne drumherum, jeder kann sich dort inszenieren. Das hat seinen Reiz. Auch wenn es manchmal etwas mühsam ist, durch den Trubel in die Shows zu kommen.“

    Wie hat sich dadurch auch Ihre Arbeit für die „Vogue“ verändert? „Die Aufmerksamkeit, für das was wir hier tun, ist ganz anders. Es zeigt einer viel breiteren Masse als früher, was Mode eigentlich ist. Nämlich Spaß, aber auch viel Arbeit und natürlich ein großes Business.“

  • Foto: getty images

    Simone Marchetti, Modekritiker von „La Repubblica“

    Herr Marchetti, Sie sind einer der meist fotografierten Männer bei den Fashion Weeks. Warum ist das so wichtig? „Wir dürfen nicht mehr die Modeberichterstattung sehen, wie sie vor zehn Jahren noch war. Alles ist anders. Alles vermischt sich. Heute gibt es so viele verschiedene Gruppen in der Mode. Blogger, Fotografen, Print- und Online-Journalisten, die ganzen Stars. Jeder versucht, das was er liebt, am besten zu machen. Das ist doch eine ganz tolle Vielfalt, die sich gegenseitig inspiriert.

    Nervt Sie der ganze Trubel, das fotografiert zu werden manchmal? „Wissen Sie was, wir sollten einfach offener sein für die Dinge, die passieren und gerade wir etablierten Moderedakteure die Nase nicht mehr länger so hoch tragen. Das wäre falsch.“



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